Wenn der Sender wegschaut: Wie die ARD ein gestörtes Interview einfach hinnahm

Ein Bus mit Lautsprechern, 25 Demonstranten, ein Interview, das im Lärm unterging – und ein öffentlich-rechtlicher Sender, der danach nur ankündigte, künftig "Vorkehrungen" zu treffen. Ein Fall, der Fragen aufwirft, die bis heute unbeantwortet sind.

Was geschah

Am 20. Juli 2025 führte die ARD im Berliner Regierungsviertel an der Spree ihr traditionelles Sommerinterview mit AfD-Chefin Alice Weidel. Das Gespräch mit Moderator Markus Preiß wurde live im Internet übertragen, unter freiem Himmel, auf der Terrasse des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses.

Vom anderen Spreeufer aus wurde die Aufzeichnung von einer Gegendemonstration begleitet – mit Trillerpfeifen, Hupen und lauter Musik. Verantwortlich war nach eigenen Angaben das "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS), das für diesen Zweck einen eigens präparierten Bus mit extrem starken Lautsprechern einsetzte, selbstironisch "Adenauer SRP+" getauft. Ein Sprecher der Berliner Polizei bestätigte im Nachgang, dass über diese Anlage lautstark Musik abgespielt wurde, mit rund 25 beteiligten Personen.

Das Ergebnis: Weidel gab mehrfach an, die Fragen des Moderators kaum verstehen zu können. Sie forderte, das Gespräch dennoch "ganz normal" fortzusetzen. ARD-Journalist Markus Preiß räumte anschließend ein, das Interview habe unter "verschärften Bedingungen" stattgefunden. Die Aktion war nicht angemeldet; die Polizei beendete sie.

Die Reaktion, die keine war

Die ARD kündigte an, für künftige Sommerinterviews Vorkehrungen zu treffen – nähere Details wurden nicht genannt. Konsequenzen für die konkrete Sendung gab es nicht. Kein Abbruch, keine Verlegung, keine juristische Reaktion des Senders gegenüber den Organisatoren der Störung. Die Aufzeichnung lief weiter, mit einer Politikerin, die ihr eigenes Interview kaum verstehen konnte – und mit einem Sender, der das offenbar als hinnehmbar bewertete.

Die rhetorische Frage

Man stelle sich vor, ein CDU-, Grünen- oder SPD-Spitzenpolitiker hätte im ARD-Sommerinterview seine eigenen Antworten nicht mehr verstehen können, weil eine Gruppe mit einem Lautsprecherwagen gezielt dagegen anfuhr. Wäre das Interview fortgesetzt worden? Hätte der Sender es bei einer bloßen Ankündigung künftiger "Vorkehrungen" belassen?

Die Frage stellt sich umso dringlicher, wenn man das Selbstverständnis der verantwortlichen Gruppe kennt: Das ZPS beansprucht öffentlich für sich, zu definieren, wessen Berichterstattung überhaupt unter grundgesetzlichen Schutz fallen soll und wessen nicht – wie ein aktueller Beitrag der Gruppe zu Apollo News und der Jungen Freiheit zeigt. Wer selbst bestimmt, wem Pressefreiheit zusteht, agiert konsequent, wenn er ein unliebsames Interview stört. Nur: Warum trägt der öffentlich-rechtliche Sender diese Asymmetrie mit, ohne sie auch nur zu benennen?

Ein Muster, kein Einzelfall

Der Fall reiht sich ein in eine größere Beobachtung: Während konservative und rechte Medien wie Apollo News wiederholt über Übergriffe und Kampagnen gegen ihre Arbeit berichten – teils mit Unterstützung aus Parteistrukturen –, bleibt die öffentliche und mediale Reaktion auf eine Störung des öffentlich-rechtlichen Programms selbst verhalten. Der Maßstab, wann eine Störung der journalistischen Arbeit als Angriff auf die Pressefreiheit gilt, scheint sich danach zu richten, wer die Betroffenen sind – nicht danach, was tatsächlich passiert ist.

Das ZPS selbst steht mittlerweile unter strafrechtlicher Beobachtung – wegen eines anderen Plakats, das AfD-Chef Tino Chrupalla mit Hitlergruß zeigt, ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft Chemnitz. Das ändert nichts an der grundsätzlichen Frage: Ein öffentlich-rechtlicher Sender, finanziert von allen Beitragszahlern, hat die Pflicht, seine Interviewpartner unter gleichen Bedingungen zu Wort kommen zu lassen – unabhängig von deren Partei. Diese Pflicht wurde im Juli 2025 sichtbar nicht durchgesetzt.

Quellen: ZDFheute (09.07.2025/20.07.2025), taz.de (21.07.2025), Monopol Magazin (22.07.2025)