Bezahlte Empörung

Wie die X-Monetarisierung Falschmeldungen einen strukturellen Vorteil verschafft — ganz ohne Verschwörung.

Ein Tweet behauptet: Bill Gates sitzt im Hochsicherheitsgefaengnis. Ursula von der Leyen ebenfalls. Ein niederländischer Anwalt, der sie verklagt hatte, sei spurlos verschwunden. Tausende Reaktionen, Dutzende Zitate, ein Feuer-Emoji als Schlusspunkt. Nichts davon stimmt in der behaupteten Form — aber das ist fast nebensächlich. Interessanter ist die Frage, warum ausgerechnet diese Version gewinnt, obwohl die nüchterne, belegbare Version längst öffentlich einsehbar ist.

Die Antwort hat weniger mit Dummheit oder Bosheit zu tun als mit einer Preisliste, die kaum jemand kennt.

Der Fall

Was viral ging

Im Sommer 2025 wurde der niederländische Anwalt Arno van Kessel verhaftet — das ist korrekt. Van Kessel hatte zuvor im Namen von Klägern eine Zivilklage gegen Bill Gates, Mark Rutte, Ursula von der Leyen, Albert Bourla und Klaus Schwab eingereicht. Ein viral gegangener Tweet beschreibt das so: Die Genannten seien "Angeklagte", offiziell wegen "Verschwörung, Bioterrorismus und Verbrechen gegen die Menschlichkeit" benannt — der "Kläger" sitze im Gefängnis, "ohne Anklage, ohne Kontakt zur Außenwelt".

Erfunden ist daran wenig — aber mit Bedacht mehrdeutig formuliert (1): "Angeklagte" klingt nach Strafprozess. Tatsächlich handelt es sich um eine Zivilklage (bodemprocedure), mit der Kläger eine Rechtsfrage klären lassen wollen: War die Corona-Impfung ein Medikament oder eine Biowaffe? Van Kessels Verhaftung wiederum steht in keinem belegten Zusammenhang mit dieser Zivilklage — Grundlage war ein separater, schwerwiegender Verdacht: abgehörte Gespräche über mögliche Anschlagsplaene rund um einen NATO-Gipfel, dazu beschlagnahmte Waffen und Rizinusbohnen. Wer nur den Tweet liest, verwechselt zwangsläufig zwei völlig unterschiedliche Verfahren.

Was der Tweet suggeriert

  • Strafrechtliches Vokabular ("Bioterrorismus", "Verschwörung", "Verbrechen gegen die Menschlichkeit") für die Beklagten
  • Verhaftung des Kläger-Anwalts wirkt wie Vergeltung für die Klage
  • "Ohne Kontakt zur Außenwelt", Elite "fürchtet sich vor der Wahrheit"

Was rechtlich der Fall ist

  • Zivilrechtliche Bodenprocedure, keine Strafverfolgung der Beklagten
  • Verhaftung beruht auf separatem Terrorverdacht (Autobombe, Rizinusbohnen) ohne belegten Bezug zur Klage
  • Kontakt zur Familie nach rund zwei Wochen wiederhergestellt; Verfahren öffentlich vor Gericht

Wie aus einer Behauptung Geld wird

Seit November 2024 zahlt X (vormals Twitter) nicht mehr für reine Werbeeinblendungen unter einem Beitrag, sondern für das Engagement zahlender Premium-Nutzer mit diesem Beitrag (2). Wer repliziert, kommentiert, favorisiert — solange er selbst ein bezahltes Abo hat — füllt die Kasse des Urhebers.

Die Zahlen dahinter

Das Prinzip ist simpel: Je mehr Reaktion ein Beitrag von zahlenden Nutzern auslöst, desto mehr verdient der Account. Und Reaktion — Empörung, Zustimmung, Widerspruch — lässt sich mit einer zugespitzten, dramatischen Behauptung zuverlässiger auslösen als mit einer sachlichen. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern die eigene Einschätzung des Fachmediums, das die Programmänderung seinerzeit begleitete: Ein Anreiz, möglichst viele Antworten zu provozieren, begünstigt erfahrungsgemäß extreme statt nüchterne Formulierungen (2).

Kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Muster

2020–2021 Der deutsche Anwalt Reiner Fuellmich prägt in coronakritischen Kreisen den Begriff "Nürnberg 2" für ein angebliches Tribunal gegen die "Verantwortlichen" der Pandemiepolitik (4).
2023–2025 Die niederländische Zivilklage gegen Gates, Rutte und weitere Beklagte wird von Unterstützern in ähnlicher Sprache gerahmt — echte Klage, aber mit dem Vokabular des "größten Prozesses aller Zeiten".
2025–2026 Van Kessels separate strafrechtliche Festnahme wird nachträglich in dieselbe Erzaehlform gegossen: aus einem Gewaltverdacht wird "Rache der Elite für die Klage".

Die Namen wechseln, die Erzaehlform bleibt: prominenter Ankläger, mächtige Angeklagte, angeblich vertuschende Medien. Diese Form ist erprobt, weil sie zuverlässig Reichweite erzeugt — unabhängig davon, wie viel vom jeweiligen Fall tatsächlich zutrifft.

Der zweite Anwalt

Van Kessel steht mit der Klage nicht allein da — und das gehört zur vollständigen Geschichte. Sein Kollege Peter Stassen (Eindhoven, seit 2002 zugelassen) führt das Verfahren fort; van Kessel ist inzwischen aus dem Anwaltsregister gestrichen und damit offiziell "Ex-Kollege" (5).

Nüchtern ist Stassens Auftreten vor Gericht deshalb nicht automatisch. Vor dem Gerichtshof Amsterdam bezeichnete er die Corona-Impfprogramme als "den größten Völkermord an der Menschheit aller Zeiten", warf Gates ein Netzwerk mit "satanischer Ideologie" vor und erklärte den Richtern, sie müssten entscheiden, wer "Kinder Gottes" und wer "Kinder des Teufels" sei (5). Auch er trägt einen eigenen disziplinarrechtlichen Eintrag aus der Zeit vor diesem Verfahren.

Und doch: Die Gerichte behandeln die Klage weiter nach Verfahrensrecht. Leeuwarden und das Amsterdamer Berufungsgericht haben Gates, Rutte, Bourla und weitere Beklagte vorgeladen; offen ist derzeit, ob Sachverständige unter Eid aussagen dürfen (5). Der Instanzenweg funktioniert also unabhängig davon, wie zugespitzt seine Vertreter formulieren — ein eher hoffnungsvoller Befund, dass Verfahrensrecht robuster ist als seine Anwälte.

Der eigentliche Schaden

Verständlicher Zorn über wahrgenommenes Unrecht ist eine Sache. Ein zugelassener Anwalt, der vor Gericht von "Kindern Gottes" und "Kindern des Teufels" spricht, eine andere. Genau hier wiederholt sich vor Gericht dasselbe Muster wie auf X: Wer die dramatischste statt der präzisesten Formulierung wählt, gewinnt kurzfristig Aufmerksamkeit und Sympathisanten — und liefert der Gegenseite gleichzeitig das beste Argument, die zugrunde liegende Rechtsfrage nicht ernst nehmen zu müssen.

Die Ironie dabei: Wer eine tatsächlich diskussionswuerdige Rechtsfrage aufwirft — etwa ob ein Gericht Kausalität bei Impfschaeden überhaupt klären kann, oder ob eine zivilrechtliche Klage gegen Weltgesundheitsakteure überhaupt zulässig ist — schadet dieser Frage selbst am meisten, wenn er sie mit unbelegten Zuspitzungen verknüpft. Sobald ein Faktencheck die dramatischste Behauptung widerlegt, gilt in der öffentlichen Wahrnehmung meist die gesamte Fragestellung als erledigt. Die eigentliche Aufklaerungsarbeit — Gerichtsakten, Parlamentsprotokolle, saubere Datenauswertung — hat gegen diesen Mechanismus einen strukturellen Nachteil: Sie ist per Definition weniger empörend und wird deshalb schlechter vergütet.

Es braucht keine zentrale Steuerung, damit Falschmeldungen sich durchsetzen. Ein Bezahlmodell, das Empörung pro Klick vergütet, produziert Übertreibung von selbst — wie ein Preisschild, das ausgerechnet die unzuverlässigste Ware am günstigsten macht.

Was hilft

Die gute Nachricht: Sobald man die Preisliste kennt, verliert der Trick seine Wirkung. Drei Fragen genügen meistens, bevor man teilt:

  1. Wer profitiert finanziell davon, dass ich das gerade teile? Verifizierte Accounts mit Monetarisierung verdienen an jeder Reaktion — auch an empörtem Widerspruch.
  2. Gibt es eine langweiligere, aber belegte Version derselben Geschichte? Meistens existiert sie bereits — bei Gerichten, Parlamenten oder Regionalzeitungen, nur ohne Feuer-Emoji.
  3. Widerspricht die dramatischste Behauptung dem, was ein einziger Gegencheck sofort zeigt? Wenn ja, ist das kein Grund, das ganze Thema abzuschreiben — sondern ein Grund, nur den unbelegten Teil wegzulassen.

Die Preisliste selbst zu kennen, ist bereits die halbe Miete.

Quellen

  1. Niederländische Regionalpresse und Fachmedien (u.a. Advocatie.nl, Omroep Leeuwarden) zum Verfahrensverlauf der sogenannten "Soevereinenzaak" und zum Stand der Zivilklage gegen Gates, Rutte u.a.
  2. TechCrunch, Oktober 2024 und September 2023: zur Umstellung des X-Auszahlungsmodells von Werbeanteilen auf Engagement zahlender Nutzer sowie zur Einschätzung, dass extreme Reaktionen das Engagement erhöhen.
  3. Aktuelle Branchenauswertungen (2026) zu Zulassungsschwellen und Auszahlungssaetzen des X-Monetarisierungsprogramms.
  4. KRO-NCRV Pointer: Hintergrundberichterstattung zum wiederkehrenden "Nürnberg-2"-Erzaehlmuster in coronakritischen Kreisen seit 2020.
  5. De Andere Krant sowie das öffentliche Register der Nederlandse Orde van Advocaten: zu Auftreten, Verfahrensstand und disziplinarrechtlichem Hintergrund von Rechtsanwalt Peter Stassen.