109 Konten —
Wie der BR Bankkonten trockenlegte

Der Bayerische Rundfunk übermittelte 109 Bankkonten und 38 PayPal-Accounts an Kreditinstitute. Der BR berichtete darüber selbst — stolz. Eine Dokumentation des Musters, das dahintersteckt: Medien als Mittler zwischen Meinung und Geldhahn.

Stand: Juni 2026 Quellen: BR, Multipolar, norberthaering.de, Bundesregierung
109
Bankkonten, die der BR an Kreditinstitute übermittelte
38
PayPal-Accounts, die der BR an Zahlungsdienstleister meldete
0
Gerichtsverfahren vor den Kontokündigungen
0
Reaktionen der Journalisten- und Verlegerverbände

Was der BR selbst berichtet hat

Es war keine Enthüllung durch Dritte. Es war kein Leak. Der Bayerische Rundfunk berichtete selbst darüber — und stellte es als Erfolg dar: Die Redaktion habe 109 Bankkonten sowie 38 PayPal-Accounts identifiziert und an die jeweiligen Finanzinstitute übermittelt. Das Ziel: die Finanzierung von Accounts zu unterbinden, die der BR als "rechtsextrem" eingestuft hatte.

Der BR übermittelte 109 Bankkonten und 38 PayPal-Accounts an Banken und Zahlungsdienstleister — und berichtete darüber selbst. Die betroffenen Kontoinhaber wurden vorher nicht informiert, es gab kein Gerichtsverfahren, keine Anhörung. BELEGT

Der BR formulierte dabei eine Forderung, die in ihrer Offenheit bemerkenswert ist: Der Staat solle sich ein Beispiel hieran nehmen. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, finanziert durch Zwangsbeiträge aller Bürgerinnen und Bürger, empfiehlt dem Staat, Konten auf Zuruf von Medienredaktionen zu kündigen.

Primärquelle BR-Berichterstattung: Der BR berichtete selbst über die Übermittlung von 109 Bankkonten und 38 PayPal-Accounts an Kreditinstitute und Zahlungsdienstleister. Die Meldung wurde u.a. von Norbert Häring (norberthaering.de, Juni 2024) und Multipolar (Chronik "De-Banking von Regierungskritikern", Juli 2025) dokumentiert und mit dem BR-Originalbericht verlinkt. BELEGT

Was das rechtlich bedeutet

Banken dürfen in Deutschland Konten ohne Begründung kündigen. Das ist legal. Was der BR-Fall zeigt, ist der Mechanismus dahinter: Eine Redaktion übernimmt die Funktion einer Meldestelle — und Banken reagieren darauf mit Kündigungen.

Kein Ermittlungsverfahren. Kein Urteil. Keine Möglichkeit zur Stellungnahme für die Betroffenen. Der BR identifiziert, meldet, die Bank kündigt. Die Frage, ob die gemeldeten Konten tatsächlich rechtsextrem waren oder ob diese Einschätzung korrekt war, wird an keiner Stelle gerichtlich geprüft.

Rechtlicher Rahmen § 675f BGB: Banken können Kontorahmenverträge mit 2-monatiger Frist kündigen — ohne Begründungspflicht. § 31 ZKG: Anspruch auf ein Basiskonto existiert nur für Privatpersonen, nicht für Unternehmen oder Medienbetriebe. Laut BGH-Rechtsprechung kann eine Bank jederzeit und ohne Angabe von Gründen eine Geschäftsbeziehung beenden. BELEGT

Nicht nur der BR

Der BR-Fall ist der am besten dokumentierte — weil der Sender selbst berichtete. Aber er steht nicht allein. Multipolar hat in seiner Chronik "De-Banking von Regierungskritikern" (Hakon von Holst, Juli 2025) weitere Muster dokumentiert:

Medium Dokumentiertes Vorgehen Status
Bayerischer Rundfunk (BR) Übermittlung von 109 Konten + 38 PayPal-Accounts an Finanzinstitute, eigene Berichterstattung darüber BELEGT
Tagesspiegel Informationen über Kontoinhabende an Banken weitergeleitet BELEGT
taz Informationen über Kontoinhabende an Banken weitergeleitet BELEGT
Correctiv Informationen über Kontoinhabende an Banken weitergeleitet BELEGT
Sekundärquelle — Multipolar-Chronik (Hakon von Holst, Juli 2025) multipolar-magazin.de/artikel/de-banking-chronik — umfassende Dokumentation von Kontokündigungen gegen kritische Medien und Journalisten in Deutschland. PEN International reagierte: Kontokündigungen bei unabhängigen Medien seien "eine Form der indirekten Zensur". Wirtschaftsjournalist Norbert Häring kommentierte: "nicht Einzelfälle, sondern eine systematische Schikane gegen regierungskritische Berichterstattung." BELEGT

Was die Betroffenen verlieren

Für ein Medium ist ein Bankkonto keine Nebensache. Es ist die Grundlage des Betriebs: Spendeneingang, Honorare, Hostingkosten, Steuern. Wer kein Konto hat, kann nicht operieren. Die Kündigung eines Kontos ist damit nicht nur ein Verwaltungsakt — sie kann das Ende eines Mediums bedeuten.

Das zeigt der Fall des österreichischen Senders Auf1: Nach der Kündigung seines einzigen Bankkontos in Ungarn (MBH-Bank, Mai 2025) und nach Dutzenden Absagen in Österreich und anderen EU-Ländern stand der Sender kurz vor dem Aus. Ob man Auf1 für seriös hält oder nicht — das ändert an der strukturellen Frage nichts: Medienkritik per Kontokündigung ist kein rechtsstaatliches Instrument. BELEGT

Was die Politik dazu sagt

"Uns ist das Phänomen von Kontokündigungen bei Medien nicht bekannt." Claudia Roth, Kulturstaatsministerin, auf parlamentarische Anfrage
"Geschäftspolitische Entscheidungen, die im freien Ermessen der Kreditinstitute liegen." Bundesfinanzministerium, auf parlamentarische Anfrage

Ein AfD-Antrag zum gesetzlichen Verbot von politisch motiviertem Debanking wurde im Bundestag von CDU, SPD, Grünen und Linken abgelehnt. In den USA unterzeichnete Präsident Trump im August 2025 eine Exekutivanordnung, die politisch motiviertes Debanking verbietet. In Großbritannien führte der Coutts/Farage-Skandal 2023 zu gesetzlichen Änderungen: 90 Tage Vorlaufzeit und Begründungspflicht. In Deutschland: keine Reaktion. BELEGT

Die eigentliche Frage

Der BR versteht sich als Hüter der Pressefreiheit. Er berichtet über bedrohte Journalisten, über Angriffe auf seine eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, über die Wichtigkeit unabhängiger Medien.

Gleichzeitig hat er 109 Bankkonten an Kreditinstitute gemeldet — mit dem erklärten Ziel, die Finanzierung dieser Konten zu unterbinden. Und er hat das öffentlich als Erfolg dargestellt.

Pressefreiheit ist unteilbar — oder sie ist es nicht. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der mit Zwangsgebühren finanziert wird, kann nicht gleichzeitig Hüter der Pressefreiheit und Meldestelle für unliebsame Konten sein. Das ist kein Vorwurf. Das ist ein Widerspruch. EINSCHÄTZUNG

Ob die Konten, die der BR gemeldet hat, tatsächlich rechtsextrem waren — das ist eine Frage, die kein Gericht beantwortet hat. Die Kündigung war trotzdem die Folge. BELEGT

Was bleibt, ist eine Frage, die diese Dokumentation nicht beantworten kann: Ob ein Rundfunksystem, das mit dem Geld aller Bürgerinnen und Bürger finanziert wird, das Recht hat zu entscheiden, wessen Finanzierung es trockenlegt — ohne Gericht, ohne Urteil, ohne Berufungsmöglichkeit.