Das Vorgespräch
Wie eine BR-Moderatorin und die bayerische Gesundheitsministerin ein als spontan präsentiertes Interview vorher absprachen.
Die Fakten
- 10. Juli 2020: BR-Nachrichtensendung "Rundschau", Anlass ist ein Corona-Ausbruch in Memmingen
- Moderatorin Ursula Heller soll Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) spontan zur Corona-Warn-App befragen
- Ein Mitschnitt des Vorgesprächs zeigt: Thema und Antwortrichtung waren vorher abgesprochen
- Zu Nutzungszahlen der App lagen zu diesem Zeitpunkt keine belastbaren Daten vor
- Erste seriöse medienkritische Einordnung erst 2025, durch das unabhängige Portal Übermedien
Was zu sehen ist
Der Mitschnitt zeigt nicht das eigentliche Interview, sondern die Minuten davor. Moderatorin Ursula Heller bespricht mit Ministerin Melanie Huml, dass im nachfolgenden – als spontan präsentierten – Gespräch über die Corona-Warn-App gesprochen werden soll. Die App war zu diesem Zeitpunkt neu, ihre Nutzung freiwillig; belastbare Zahlen zur Wirksamkeit lagen nicht vor, weil der Bund keine entsprechenden Daten lieferte.
Da können Sie sich ja irgendwie rausreden
Ursula Heller im Vorgespräch zu Ministerin Melanie Huml, laut Mitschnitt vom 10.7.2020Die Moderatorin schlägt der Ministerin damit sinngemäß vor, die App im Interview als hilfreich darzustellen, ohne sich auf konkrete Belege festzulegen. Was das Publikum später als unvorbereitete, kritische Nachfrage zu sehen bekam, war zuvor gemeinsam abgestimmt worden.
Zeitlicher Ablauf
Aufzeichnung von Vorgespräch und Interview für die BR-"Rundschau"
Mitschnitt kursiert zunächst über einen YouTube-Kanal und in Kreisen außerhalb etablierter Medien
Das unabhängige Medienkritik-Portal Übermedien ordnet den Mitschnitt journalistisch ein
Befund
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk finanziert sich mit dem Anspruch, staatsfern und unabhängig zu berichten. Ein Vorgespräch, in dem die Moderatorin der Politikerin verrät, wie sie eine unbequeme Frage umgehen kann, kehrt diese Rollenverteilung um. Nicht die einzelne Frage zur Corona-Warn-App ist der Befund – sondern dass die Offenheit dieser Frage im Vorfeld beseitigt wurde.
Warum das mehr als ein Einzelfall ist
Dass eine als spontan verkaufte Interviewsituation tatsächlich vorbereitet war, betrifft das Grundversprechen gebührenfinanzierten Journalismus: dass Fragen offen gestellt und Antworten unabhängig geprüft werden. Wird dieses Versprechen im Einzelfall gebrochen, verliert nicht nur die einzelne Sendung an Glaubwürdigkeit – sondern die Institution, die sich genau darauf beruft, um ihre Finanzierung zu rechtfertigen.