Analyse · Medienpolitik

Die Kampagne

573 Millionen Euro Steuergelder, 200 Journalisten mit Regierungshonoraren, eine Agentur ohne Ausschreibung — und warum die Namen bis heute geheim sind

Juni 2026  ·  Redaktion Rundfunkkritik
573 Mio. Euro für Corona-Kommunikation
2020–2022 (Bundeshaushalt)
200 Journalisten mit
Regierungshonoraren
175 Mio. Euro an eine einzige
Medienagentur (2020–2021)

Wer 2021 Zeitung las, Plakate sah oder das Radio einschaltete, begegnete ihr überall: der Botschaft, dass Impfen schützt, rettet, solidarisch ist. 150 Konzerne änderten gleichzeitig ihre Werbeslogan. ARD-Ärzte erklärten scheinbar unabhängig. Eine Impfkampagne nach der anderen rollte durch TV, Print und Social Media. Das wirkte wie eine gesellschaftliche Bewegung. Es war auch eine. Nur war sie in wesentlichen Teilen bezahlt — mit Steuergeldern, über Kanäle, die als unabhängig galten.

Was die Zahlen sagen

Aus der Antwort der Bundesregierung auf Bundestag-Drucksache 20/3253 geht hervor: In den Jahren 2020, 2021 und 2022 flossen 90, 295 und 188,9 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt in COVID-19-Kommunikation — insgesamt über 573 Millionen Euro. Zum Vergleich: In den Jahren 2015 bis 2019 gab die gesamte Bundesregierung durchschnittlich 58 Millionen Euro pro Jahr für alle Werbemaßnahmen aus. Das Gesundheitsministerium gab allein 2021 das Zweieinhalbfache dieses Betrages aus — für ein einziges Thema.

Die Verteilung des Jahres 2021: 64,2 Millionen Euro für Printanzeigen in Tageszeitungen, 45,9 Millionen für Plakate und digitale Screens, 15,8 Millionen für TV-Spots, 12,2 Millionen für Radio. An welche Verlage und Medienhäuser das Geld konkret floss — das, so das Ministerium auf Nachfrage, könne es nicht sagen.

Akte 01
Carat Deutschland: 175 Millionen Euro — eine Agentur
Quelle: NZZ, 13.05.2023 · Bundestag-Drucksachen · Antwort der Bundesregierung auf AfD-Anfrage
Eine einzige Medienagentur taucht in den Abrechnungsunterlagen der Bundesregierung über hundert Mal auf: Carat Deutschland. Allein für "Corona-Kommunikation" erhielt sie 2020 und 2021 über 175 Millionen Euro an Schaltkosten — und das ohne die zusätzlichen Agenturhonorare. Die NZZ berichtete im Mai 2023 auf Basis der Regierungsantwort: Die Bundesregierung gab in diesen drei Jahren insgesamt über 513 Millionen Euro für Werbe- und Informationsmaßnahmen aus.

Der goldene Maulkorb

Damals — 2020 bis 2022

Zahlreiche Journalisten öffentlich-rechtlicher und privater Sender moderieren staatliche Veranstaltungen, erstellen Videobeiträge für Ministerien, halten Vorträge im Regierungsauftrag.

Ihre Berichterstattung über Pandemiemaßnahmen erscheint unabhängig, kritisch, journalistisch einwandfrei.

Heute — Bundestag-Drucksache 20/5822

Die Bundesregierung zahlte seit 2018 Honorare von 1.471.828 Euro an 200 Journalisten — für Moderationen, Texte, Vorträge, Medientrainings.

Davon: 875.000 Euro an ARD-, ZDF-, Deutschlandradio- und DW-Journalisten. 596.000 Euro an Spiegel, Zeit, Tagesspiegel und andere.

Die Namen? Pseudonymisiert. Aus Datenschutzgründen.

Akte 02
Der Journalist, der Pressesprecher auf Interviews vorbereitete — und sie dann interviewte
Quelle: Berliner Zeitung, 09.03.2023 · Bundesregierung Antwort 20/5822 · Bundestag 17.03.2023
Aus der Antwort der Bundesregierung geht hervor: Mindestens ein Journalist schulte als bezahlter Regierungsauftragnehmer Pressesprecher auf Interviews vor — und interviewte dieselben Politiker später als Festangestellter eines öffentlich-rechtlichen Senders. Ein weiteres Detail: Nicht enthalten in der Aufstellung sind die Honorare des Bundesnachrichtendienstes an Journalisten. Diese Kooperationen seien "besonders schützenswert", teilte die Bundesregierung mit.
„Wer sich als Journalist regelmäßig und für wenig Aufwand fürstlich honorieren lässt, kann nicht mehr glaubhaft kritisch oder unabhängig berichten. Die vierte Gewalt bekommt so nach und nach einen goldenen Maulkorb." Parlamentarische Erklärung, Bundestag-Protokoll 2023

Der Arzt, der Arzt war

Damals

Ein bekannter ARD-Medizinjournalist und Komiker erklärt als scheinbar unabhängige Stimme, warum die Impfung wichtig ist. Talkshows, Plakate, Zeitungsinterviews. Sein Wort gilt als das eines Arztes, nicht eines Lobbyisten.

Heute — dokumentiert

März 2021: Die Gates-Stiftung fördert seine im März 2020 gegründete Stiftung mit 1.399.984 Dollar für 13 Monate.

Sozialministerium Baden-Württemberg bestätigt: 71.400 Euro Steuergelder für "Beratung und Konzeption" einer staatlichen Impfkampagne.

Ärztezeitung: Er sowie zwei weitere Prominente erhielten Honorare vom BMG. Die Summen: geheim, auf Wunsch des Ministeriums.

Die Agentur und die Partei

Damals — Herbst 2022

84 Bürgerinnen und Bürger werben auf Plakaten und im Fernsehen für die Corona-Impfung. Die Kampagne "Ich schütze mich" wirkt bürgernah, unaufgeregt, vertrauenswürdig.

Budget: 32 Millionen Euro. Zuzüglich 700.000 Euro für kreative Entwicklung.

Heute — BRH-Bericht 25.03.2024

Die Agentur BrinkertLück — die zuvor den Bundestagswahlkampf von Olaf Scholz organisiert hatte — erhielt den Auftrag ohne Ausschreibung.

Ab 140.000 Euro Auftragsvolumen schreibt EU-Vergaberecht öffentliche Ausschreibung vor.

Die Vertragsunterlagen: als "VS-vertraulich" eingestuft. Parlamentarier durften sie nur in einem abhörsicheren Saal einsehen.

Akte 03
Bundesrechnungshof: Lauterbach wollte Aufklärung „vorsätzlich behindern"
Quelle: Bundesrechnungshof, Prüfbericht 25.03.2024 · Tagesspiegel · ZDF · Welt
Der Bundesrechnungshof stellte nach Auswertung der Unterlagen fest: Das BMG vergab den Auftrag an BrinkertLück unter Verstoß gegen das Vergaberecht. Die eigentlich zuständige Hausagentur Scholz & Friends wurde übergangen. Die Einstufung der Dokumente als Verschlusssache war nach Ansicht des BRH nicht gerechtfertigt — ein "Schaden für die Interessen Deutschlands" durch Offenlegung einer Impfwerbekampagne sei nicht erkennbar. Der BRH attestierte dem Ministerium, die Aufklärung der Vorwürfe „vorsätzlich behindern" zu wollen. Das Ministerium wies die Einschätzung "ausdrücklich" zurück.

Das Muster

Drei Ebenen — gleichzeitig aktiv

Keiner dieser Vorgänge ist für sich genommen ein Beweis für Absprachen. Zusammen bilden sie eine Infrastruktur, in der es schwer wird, den Unterschied zwischen unabhängiger Berichterstattung und bezahlter Resonanz zu erkennen. Der Begriff dafür ist nicht Verschwörung — er ist Interessenkonflikt.

Was das bedeutet

All das ist dokumentiert. In Bundestag-Drucksachen, Bundesrechnungshof-Berichten, Ministeriumsantworten und Presseberichten von Tagesspiegel, Ärztezeitung, NZZ und Berliner Zeitung.

Was Transparenz bedeuten würde

Offenlegungspflicht für staatliche Werbeausgaben nach Medienhaus — damit Verlage, die von Regierungskampagnen profitieren, als solche erkennbar sind.

Transparenzregeln für Moderations- und Vortragshonorare an Journalisten — mit Namensnennung, nicht mit Nummern.

Unabhängige, öffentliche Ausschreibungsverfahren für alle staatlichen Kommunikationskampagnen ab 50.000 Euro.

Das wäre der Unterschied zwischen einer Demokratie, die aus Fehlern lernt — und einer, die sie verwaltet.

Primärquellen & Belege