Medien & Macht · Analyse

Wer kommt rein, wer fliegt mit: Die Drehtür zwischen Leitmedien und Regierungsamt

Vom ZDF-Anchor direkt zum Regierungssprecher. Vom SZ-Ressortleiter direkt ins Kanzleramt. Der Ex-Verleger von Welt, Focus und Cicero als Chef der Medienpolitik. Und wer zu kritisch fragt, kommt nicht mal in den Regierungsflieger. Ein Blick auf ein System, das sich selbst nicht Drehtür nennt.

Slug: drehtuer-leitmedien-regierungsamt-bpk-flieger  ·  Tags: Drehtür, Seibert, Kornelius, Weimer, BPK, Akkreditierung, Regierungsflieger, Pressefreiheit

Es gibt ein Wort, das in diesem Zusammenhang nie fällt: Drehtür. Die heißt so, weil sie in beide Richtungen dreht – rein und raus, Journalismus und Amt, Mikrofon und Ministerium. In anderen Ländern ist die Drehtür zwischen Medien und Politik ein anerkanntes Problem, das diskutiert, reguliert und manchmal auch verhindert wird. In Deutschland dreht sie sich weiter, ganz offen, gut dokumentiert, und kaum jemand nennt sie beim Namen.

Drei Fälle genügen, um das Muster zu zeigen. Alle drei sind öffentlich, amtlich bestätigt und durch Wikipedia, Bundestag und die Lebensläufe auf bundesregierung.de belegbar.

Regierung Merkel: Der ZDF-Anchor wird Sprecher

Steffen Seibert war über Jahre das Gesicht der ZDF-Nachrichtensendung heute. Er moderierte, interviewte, berichtete. Er war der Kanal, über den Millionen Deutsche abends ihr Bild von der Politik formierten. Im August 2010 berief ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel ohne Zwischenstopp, ohne Abstand, ohne Abkühlphase direkt zu ihrem Regierungssprecher. Seibert blieb elf Jahre im Amt, bis zum Ende der Ära Merkel 2021. Anschließend wurde er Botschafter der Bundesrepublik in Israel.

Frage, die damals kaum gestellt wurde: Wie schaut ein ZDF-Redakteur auf seinen ehemaligen Anchor, wenn dieser nun die Regierung vertritt, über die er zuvor berichtete? Und wie schaut ein Zuschauer auf eine Sendung, aus der heraus jemand direkt ins Kanzleramt wechselt?

Regierung Merz: Zwei auf einmal – am gleichen Tag

Was unter Merkel ein Fall war, machte Friedrich Merz am 6. Mai 2025, seinem ersten Tag als Bundeskanzler, gleich doppelt:

Kabinett Merz – Tag 1 – 6. Mai 2025
Stefan Kornelius
Ressortleiter Politik & Außenpolitik, Süddeutsche Zeitung — über 25 Jahre
→ Regierungssprecher
Staatssekretär
Wolfram Weimer
Ex-Chefredakteur Welt, Berliner Morgenpost, Focus, Cicero; FAZ-Korrespondent; Verleger
→ Kulturstaatsminister
Chef der Medienpolitik

Stefan Kornelius hat seit 1993 für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet, seit dem Jahr 2000 als Ressortleiter Außenpolitik, zuletzt als Ressortleiter Politik. Er schrieb Kommentare und Meinungsbeiträge zu fast allem, was die Bundesrepublik bewegte. Am Tag, an dem Merz vereidigt wurde, wurde Kornelius sein Sprecher – Staatssekretär im Kanzleramt, direkt dem Kanzler unterstellt. Kein Abstand, keine Bedenkzeit. Die SZ veröffentlichte die Nachricht selbst: „Stefan Kornelius, langjähriger Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung, wird das Amt des Regierungssprechers übernehmen."

Wolfram Weimer ist der bemerkenswerteste Fall. Er war Chefredakteur der Welt, der Berliner Morgenpost, des Focus und des von ihm gegründeten Magazins Cicero. Er ist Verleger der Weimer Media Group. Er hat Jahrzehnte lang das Bild von Politik und Gesellschaft in deutschen Leitmedien mitgeprägt. Seit dem 6. Mai 2025 ist er Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien – Kulturstaatsminister, direkt dem Kanzler zugeordnet, Kabinettsmitglied, Chef einer Bundesbehörde mit rund 470 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Das bedeutet: Der Mann, der als Verleger und Chefredakteur großer Medien tätig war, verantwortet nun die Medienpolitik des Bundes. Der frühere Aufseher über Journalisten ist jetzt Aufseher über die Rahmenbedingungen des Journalismus. Noch in der Weimer Media Group wurde – so lautete der Vorwurf in einer Bundestagsdebatte vom Dezember 2025 – beim Ludwig-Erhard-Gipfel Sponsoring-Pakete für bis zu 80.000 Euro angeboten, die exklusive Zugänge zu Regierungsmitgliedern in Aussicht stellten. Der Bundestag lehnte einen AfD-Antrag auf Entlassung ab. Die Debatte zeigt aber, wie eng die Welt war, in der sich dieser Wechsel vollzog.

Der Verein: Wer kein Mitglied ist, fragt nicht

Die Drehtür dreht nur in eine Richtung. In die andere – kritische Medien rein ins System – dreht sie nicht.

Das Tor heißt Bundespressekonferenz, kurz BPK. Sie ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin, selbstverwaltet und selbstfinanziert, und sie organisiert die wichtigsten Pressekonferenzen der Republik: Die Sprecher aller Bundesministerien treten hier dreimal pro Woche an, Kanzler und Minister kommen regelmäßig. Wer keine BPK-Mitgliedschaft hat, sitzt nicht im Saal.

Mitglied werden kann, wer „regelmäßig für Publikumsmedien" über Bundespolitik berichtet. Was ein Publikumsmedium ist, entscheidet die BPK selbst. Das Ergebnis: Etablierte Redaktionen sind drin. Kritische Online-Journalisten und alternative Medien können draußen bleiben.

Der Journalist Florian Warweg von den Nachdenkseiten beantragte die Mitgliedschaft – und wurde abgelehnt. Er klagte. Das Berliner Landgericht urteilte 2023: Die BPK muss ihm Zugang zu ihren Veranstaltungen gewähren. Der Verein hatte seine Ablehnung unter anderem damit begründet, Warweg sei den „alternativen Medien" zuzuordnen und habe früher für den russischen Staatssender RT gearbeitet. Das Gericht ließ diese Begründung nicht gelten.

Boris Reitschuster war BPK-Mitglied und fiel durch kritische Fragen auf – etwa, ob der Kanzler sich jemals mit Impfkritikern getroffen habe. Irgendwann erfüllte sein Impressum die formalen Voraussetzungen nicht mehr: Sein Firmensitz hatte sich nach Montenegro verlagert. Er wurde ausgeschlossen. Der Zeitpunkt und der Kontext wurden breit kommentiert; die formale Begründung ließ inhaltliche Fragen offen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius behauptete auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 öffentlich, niemand werde in Deutschland ausgeschlossen, weil er nicht das Wording der Regierung teile. Reitschuster widersprach umgehend und öffentlich. Wer die Chronologie kennt, hat seine eigene Einschätzung dazu.

Der Flieger: Kein Stempel, kein Platz

Wenn der Bundeskanzler ins Ausland reist, dürfen Journalisten mitfliegen. Die Bundesregierung antwortete auf eine entsprechende Anfrage der AfD-Fraktion im Bundestag (Drucksache 20/6733) schriftlich: Die Mitreisemöglichkeit sei ein „Angebot", kein Recht. Die Auswahl der mitreisenden Journalistinnen und Journalisten richtet sich nach der Akkreditierungspraxis – und damit nach der BPK-Mitgliedschaft.

Kein BPK-Stempel bedeutet also nicht nur: kein Sitzplatz beim Ministeriums-Briefing. Es bedeutet im Extremfall auch: kein Sitzplatz im Regierungsflieger, wenn der Kanzler nach Washington, Kyiv oder Peking fliegt. Wer nicht dabei ist, berichtet von Zuhause – mit dem, was offizielle Stellen anschließend kommunizieren.

Das ist kein Verbot. Es ist kein Gesetz. Es ist Architektur. Wer im richtigen Verein ist, kommt mit. Wer draußen ist, schaut zu.

Das Muster

Zusammen ergibt das ein konsistentes Bild. Auf der einen Seite: Journalisten aus Leitmedien, die direkt in Regierungsämter wechseln – als Sprecher, als Staatssekretär, als Medienpolitik-Chef – ohne Abstand, ohne Karenzzeit, ohne öffentliche Debatte darüber. Auf der anderen Seite: Ein Accredited-Verein, der entscheidet, wer überhaupt fragen darf, und ein Flieger, auf dem nur sitzt, wer den richtigen Ausweis hat.

Das Argument der anderen Seite lautet: Erfahrene Journalisten bringen Kommunikationskompetenz mit, und die BPK ist ein Selbstverwaltungsmodell mit langer demokratischer Tradition. Beides stimmt. Aber es entkräftet nicht die Frage, die beide Phänomene gemeinsam aufwerfen: Entsteht durch diese Nähe eine Klasse von Medienschaffenden, die mit der Macht so verflochten ist, dass sie deren Aufgabe – nämlich Macht zu kontrollieren – nicht mehr unabhängig erfüllen kann?

Fazit

Die Drehtür ist kein Geheimnis. Sie ist auf bundesregierung.de dokumentiert, in Wikipedia nachlesbar und von den Beteiligten selbst kommuniziert worden. Wer sie Drehtür nennt, nennt nur einen Namen für das, was ohnehin sichtbar ist. Was fehlt, ist die öffentliche Debatte darüber – und die stellt sich in einem Mediensystem schwer ein, wenn die, die sie führen sollten, selbst Teil des Systems sind.

Weiterführende Quellen

rundfunkkritik.de · Recherche: Juni 2026 · Reine HTML-Ausgabe