Wächter ohne Wache
Die Fünfte
Wie der Mann, der jahrelang öffentliche Gewissheit verkörperte, vor dem eigenen Ausschuss verstummt
Am 29. Juli 2026 saß Anthony Fauci, 85, drei Stunden lang vor dem Heimatschutzausschuss des US-Senats – und beantwortete praktisch keine einzige Frage.
Die Fakten
- Januar 2025: Präsident Biden begnadigt Fauci präventiv für alle möglichen Bundesstraftaten seiner Regierungstätigkeit 2014–2025.
- 29. Juli 2026: Fauci beruft sich vor dem Senatsausschuss über hundertmal auf sein Aussageverweigerungsrecht – trotz bestehender Begnadigung.
- Ausschussvorsitzender Rand Paul kündigt eine Abstimmung über eine Missachtung des Kongresses an.
- April 2026: Faucis langjähriger NIAID-Vertrauter David Morens wird angeklagt – Vorwurf: systematische Verschleierung von Kommunikation zur Corona-Ursprungsfrage über private E-Mail-Konten.
Damals und heute
Damals
Öffentliche Gewissheit als Amtsprinzip. Fauci beriet sieben US-Präsidenten, zuletzt als Chefberater Bidens. Widerspruch gegen seine Einschätzungen wurde routinemäßig als Angriff auf „die Wissenschaft" gerahmt.
Heute
Vollständiges Schweigen zur eigenen Amtsführung – unter Berufung auf ein Recht, dessen Grundlage (Selbstbelastungsgefahr) durch die eigene Begnadigung eigentlich entfällt.
Zeitlinie
Biden begnadigt Fauci präventiv, letzter voller Amtstag.
US-Justizministerium klagt David Morens, langjährigen Fauci-Vertrauten im NIAID, wegen Verschleierung von Aufzeichnungen zur Corona-Ursprungsfrage an.
Fauci beruft sich in Senatsanhörung über hundertmal auf den Fünften Verfassungszusatz. Ausschussvorsitzender kündigt Missachtungsverfahren an.
Ein Faktencheck, der selbst einen Fehler hat
Im Zuge der Anhörung wurden auch SMS Faucis vom 25. Januar 2021 öffentlich, in denen er zwei Regierungsmitgliedern schrieb, ein ausgeprägter Zytokinsturm nach der zweiten Impfdosis könnte theoretisch mit Fehlgeburten im ersten Trimester zusammenhängen. Nur wenige Tage später erklärte er öffentlich, es gebe „bislang keine Warnsignale" bei Schwangeren. Die ARD-Tagesschau erklärte diesen Widerspruch in einem Faktencheck für aufgelöst: Dazwischen sei am 27. Januar 2021 eine „erste Auswertung" der rund 15.000 bei der US-Gesundheitsbehörde CDC gemeldeten Schwangeren veröffentlicht worden, die kein erhöhtes Risiko gezeigt habe.
Was die CDC-Quelle tatsächlich hergibt
- Die CDC-Präsentation vom 27.01.2021 verzeichnet ausschließlich die Meldezahl von 15.131 Schwangerschaften im v-safe-System – keine Auswertung von Schwangerschaftsausgängen, keine Fehlgeburtenrate.
- Die erste tatsächliche Ergebnisanalyse (Shimabukuro et al., New England Journal of Medicine) erschien erst am 21.04.2021 – auf Basis von Daten bis Ende Februar 2021, fast drei Monate nach Faucis Aussagen.
- Zum Zeitpunkt von Faucis öffentlicher Aussage am 3. Februar 2021 existierte demnach keine „Auswertung", die eine Entwarnung wissenschaftlich hätte stützen können.
Die Tagesschau behauptet also eine Datengrundlage für Faucis Kurswechsel, die zum genannten Zeitpunkt nachweislich noch nicht vorlag. Das ändert nichts an der Faktenlage von heute: Mehrere seither veröffentlichte Studien – darunter eine Metaanalyse über 23 Studien im Fachjournal Nature – fanden keinen Zusammenhang zwischen mRNA-Impfung und erhöhtem Fehlgeburtsrisiko. Aber die konkrete Begründung, mit der die Tagesschau Faucis Positionswechsel im Januar/Februar 2021 rechtfertigt, hält der eigenen Quelle nicht stand.
Die eigentliche Frage
Nicht die Frage, ob Fauci etwas zu verbergen hat, lässt sich aus alldem seriös beantworten – das kann nur ein Ausschuss oder ein Gericht klären, und beide sind noch nicht fertig. Die belastbare Beobachtung ist eine andere: Institutionelle Autorität, die während einer Krise kaum hinterfragt werden durfte, wird in der Aufarbeitung zäh verteidigt – notfalls durch vollständiges Schweigen, selbst wenn die rechtliche Notwendigkeit dafür fraglich ist. Das ist unabhängig davon bemerkenswert, wie man zur Corona-Politik selbst steht.
Quellen
- CNN Politics, 29.07.2026: Bericht über die Anhörung und die wiederholte Berufung auf den Fünften Verfassungszusatz.
- NBC News, 29.07.2026: Dokumentation des exakten Wortlauts und der Reaktionen einzelner Senatoren.
- Axios, 29.07.2026: Ankündigung des Missachtungsverfahrens durch Senator Rand Paul.
- Al Jazeera, 30.07.2026: Einordnung der rechtlichen Begründung trotz bestehender Begnadigung.
- PBS News, 28.04.2026: Bericht zur Anklage gegen David Morens.
- Scientific American, 28.04.2026: Einordnung der Vorwürfe im Kontext der Ursprungsfrage.
- STAT News, 28.04.2026: Details zur Anklageschrift, u.a. zu den laut Anklage erhaltenen Zuwendungen.
- CDC, „COVID-19 vaccine safety update", Präsentation vom 27.01.2021: enthält ausschließlich Meldezahlen, keine Ergebnisauswertung.
- Shimabukuro et al., New England Journal of Medicine, online 21.04.2021: erste Ergebnisanalyse zu Schwangerschaftsverläufen nach mRNA-Impfung.
- ARD-Tagesschau, Faktenfinder, 14.08.2026: „Corona-Vorwürfe gegen Fauci nicht haltbar" – Gegenstand der Prüfung oben.