Die Kurve, die man nicht sehen wollte
Destatis meldete es nüchtern: 2025 wurden in Deutschland rund 654.300 Kinder geboren. Den niedrigsten Wert seit 1946. Nicht seit 2013, nicht seit der Nachwendezeit — seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
2021 — das Jahr, in dem Deutschland massenhaft impfte — verzeichnete einen Anstieg. Ab 2022 folgte der stärkste Zwei-Jahres-Einbruch seit Jahrzehnten. Auffällig: Der Bruch liegt nicht graduell, sondern scharf.
Der scharfe Bruch ab 2022 fiel zusammen mit einem weiteren: In Deutschland, der Schweiz und Schweden hatte die Geburtenrate 2021 noch leicht zugelegt. Dann — in einem einzigen Kalenderjahr — knickte sie ab. Nicht um ein oder zwei Prozent. Um acht.
Zur Erklärung griffen die meisten Medien zur vertrauten Formel: wirtschaftliche Unsicherheit, Energiekrise, Ukraine. Plausibel. Aber: Diese Faktoren galten für ganz Europa. Und auch dort, wo es der Wirtschaft besser ging, sank die Geburtenrate. Und auch dort, wo der Krieg weit weg schien.
Dieselbe Kurve. Zwanzig Länder.
Im August 2022 veröffentlichten drei Datenanalysten — ohne Peer-Review, aber gestützt ausschließlich auf Eurostat und nationale Statistikämter — eine 91-seitige Analyse des Geburtenrückgangs in 19 europäischen Ländern. Das Ergebnis ließ sich auf einer Folie zusammenfassen:
- In allen 19 untersuchten Ländern sanken die Geburtenzahlen ab 2022 messbar.
- In 14 von 18 auswertbaren Ländern fiel der Rückgang zeitlich mit der Impfaktivität bei den 18–49-Jährigen neun Monate zuvor zusammen.
- In sieben Ländern — darunter Deutschland, Schweiz, Finnland, Niederlande — lagen die statistischen p-Werte unter 0,005.
- In der Schweiz: der Geburtenrückgang korrelierte kantonsweise mit der Impfquote. Je höher die Quote, desto steiler der Einbruch.
Korrelation ist keine Kausalität. Das ist keine Spitzfindigkeit — es ist der Kern des Problems. Niemand kann aus diesen Zahlen allein schließen, was sie verursacht hat. Aber Korrelation ist der Anlass, die Frage zu stellen. Und die Frage wurde nicht gestellt.
„In keinem der angefragten Länder wird ein Signal hinsichtlich der Covid-19-Impfungen und eines Geburtenrückgangs gesehen oder evaluiert."Swissmedic, Stellungnahme September 2022
Das ist keine Entwarnung. Das ist ein Geständnis. Kein Signal — weil niemand nachgeschaut hat.
Was die Studie konnte. Und was nicht.
Die entscheidende Grundlagenstudie zur Sicherheit der mRNA-Impfung in der Schwangerschaft erschien im Juni 2021 im New England Journal of Medicine. Ihre Aussage: keine auffällige Fehlgeburtsrate. Die Pressemitteilungen übersetzten das in: sicher.
Was sie nicht übersetzten:
Die Mehrzahl der erfassten Frauen wurde im dritten Trimenon geimpft — in der Phase, in der Fehlgeburten von Natur aus selten sind. Das Ergebnis „keine auffällige Rate" reflektiert diesen Zeitraum.
80 % aller Fehlgeburten ereignen sich im ersten Trimenon. Wer dort nicht misst, findet dort nichts. Das ist kein Fehler — es ist ein blinder Fleck, der nicht kommuniziert wurde.
Drei der Hauptautorinnen dieser Studie gaben Interessenkonflikte an: institutionelle Forschungsförderung von Pfizer, Mitgliedschaft im Pfizer-Datensicherheitsausschuss. Das steht im Anhang. Nicht in den Pressemitteilungen.
Und: Die Phase-3-Studien, auf deren Basis die Zulassung erteilt wurde, schlossen Schwangere systematisch aus. Es gab keine kontrollierten klinischen Daten — nur Beobachtungsdaten aus einem freiwilligen Smartphone-Meldesystem, hauptsächlich aus dem dritten Trimenon.
Die Gegenerklärung und ihre Lücken
Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung nannte als mögliche Ursache für den 2022er-Einbruch in Deutschland und der Schweiz: verschobene Kinderwünsche. Menschen hätten aus Unsicherheit über Impffolgen mit der Familienplanung gewartet. Das ist eine andere Kausalkette — aber sie setzt voraus, dass die Sorge nicht gänzlich unbegründet war.
„Wirtschaftliche Unsicherheit, Energiekrise, Pandemiefolgen — klassische Erklärungen für sinkende Geburtenraten."
Berliner Zeitung / Tagesschau / DPA-Berichte 2023
2021 — Impfpeak — verzeichnete Deutschland einen Anstieg der Geburtenziffer auf 1,58. 2022 folgte der steilste Einbruch seit Jahrzehnten. Wirtschaftliche Krisen verlaufen graduell. Das hier nicht.
Destatis, Epidemiologisches Bulletin RKI 4/2026
Das Muster, das nicht interessiert
Fehlende Basisdaten
Schwangere wurden aus Phase-3-Studien ausgeschlossen. Eine Empfehlung für diese Gruppe erging trotzdem — auf Basis von Beobachtungsdaten aus dem Zeitraum, in dem Fehlgeburten ohnehin selten sind.
Keine behördliche Untersuchung
Swissmedic stellte 2022 fest: In keinem angefragten Land wurde das Signal untersucht. Das PEI kommt seiner gesetzlichen Pflicht zur Auswertung von Nebenwirkungsdaten seit Jahren nicht nach — bestätigt durch ARD/Plusminus 2024.
Kein Journalismus
Der Einbruch der Geburtenzahlen um 8 % in einem einzigen Jahr — historisch ohne Parallele außerhalb von Kriegs- und Hungersjahren — wurde in keiner der großen Redaktionen systematisch mit der gleichzeitigen Impfkampagne in Zusammenhang gebracht.
Die Empfehlung läuft weiter
Stand Dezember 2025 empfiehlt die STIKO Schwangeren weiterhin mRNA-Impfstoffe — mit der Einschränkung, dass Spikevax (Moderna) wegen erhöhten Myokarditisrisikos nicht verwendet werden soll. Die Frage, ob dieses Risiko früher bekannt war, bleibt offen.
Was wäre, wenn man es wissen wollte?
Die Antwort auf die Frage, ob die mRNA-Impfung kausal zum Geburtenrückgang beigetragen hat, ist nicht bekannt. Sie ist auch nicht nicht bekannt weil sie untersucht wurde. Sie ist nicht bekannt, weil sie nicht untersucht wurde.
Das ist das Kernproblem — und es ist journalistisch und wissenschaftsethisch eines. Ein Einbruch dieser Größenordnung, zeitlich korrelierend mit einer der größten Impfkampagnen der Nachkriegsgeschichte, in zwanzig Ländern gleichzeitig, ohne systematische Untersuchung — das ist nicht Vorsicht. Das ist Verweigerung.
Ein Facharzt, der 2022 anfing, Muster zu beschreiben — häufigere Aborte, veränderte Zyklen, Schwangerschaftskomplikationen bei kürzlich Geimpften — wurde nicht untersucht. Er wurde eingeordnet.
654.000 Geburten. Der niedrigste Wert seit 1946. Die Frage nach dem Warum verdient mehr als eine Pressemitteilung über wirtschaftliche Unsicherheit. Sie verdient Daten, Untersuchungen, und Journalisten, die nachfragen — auch wenn die Antwort unbequem ist.
Eine offene Frage ist keine Verschwörungstheorie. Eine offene Frage, die niemand stellt, ist ein journalistisches Versagen.
- BehördeDestatis: Geburtenziffer Deutschland 2019–2025, monatliche Geburtenzahlen — destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten
- BehördeEurostat: Fertility Statistics EU 2024 — ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Fertility_statistics
- PrimärHagemann R., Lorré U., Kremer H.-J.: Geburtenrückgang in Europa 2022 — 91-seitige Analyse auf Eurostat/Destatis-Basis, August 2022
- BehördeSwissmedic: Stellungnahme zum Zusammenhang zwischen Fruchtbarkeit und Covid-19-Impfung, September 2022 — swissmedic.ch
- PrimärCDC v-safe Pregnancy Registry: "Preliminary Findings of mRNA Covid-19 Vaccine Safety in Pregnant Persons", NEJM, 17.6.2021 — inkl. Interessenkonflikte der Autorinnen
- MainstreamARD/Plusminus, 25.11.2024: Das Paul-Ehrlich-Institut kommt seiner gesetzlichen Pflicht zur Auswertung von Nebenwirkungsdaten seit vier Jahren nicht nach
- BehördeRKI: COVID-19-Impfempfehlung STIKO, Stand 12.12.2025 — Einschränkung Spikevax bei Schwangeren wegen Myokarditisrisiko
- MainstreamNordic Statistics: Record low fertility in the Nordics — nordicstatistics.org, Juli 2025
- PrimärBundesinstitut für Bevölkerungsforschung: Arbeitspapier Geburtenrückgang — verschobene Kinderwünsche als diskutierte Ursache für DE/CH, 2023