Berichterstattung · Analyse

Der geschrumpfte Balken: Als die ARD die AfD kleiner zeichnete, als die Zahlen erlaubten

Am 8. September 2024 stellte „Bericht aus Berlin" die stärkste Oppositionspartei grafisch kleiner dar als zwei schwächere Parteien. Der Sender entschuldigte sich – ohne zu sagen, wessen Balken falsch war. Eine Spurensuche, die auch zeigt, wie man Kritik nicht führen sollte.

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Eine Zahl lügt nicht. Ein Balken schon.

Am Sonntag, dem 8. September 2024, zeigte die ARD-Sendung „Bericht aus Berlin" die aktuelle Sonntagsfrage des Instituts infratest dimap. Unter den Säulen standen die korrekten Prozentwerte: AfD 17, SPD 15, Grüne 11, BSW 9, Sonstige 8. Über den Zahlen aber stand etwas anderes – nämlich eine Grafik, in der diese Reihenfolge nicht stimmte.

Der Balken der AfD, mit 17 Prozent der höchste nach der Union, war kleiner gezeichnet als die Balken von SPD und Grünen. Die Säulen von BSW und Sonstigen reichten fast an die AfD heran, obwohl sie mit 9 und 8 Prozent deutlich darunter lagen. Mit anderen Worten: Die einzige Partei, deren Balken die zugehörige Zahl klar verfehlte, war die AfD – und zwar nach unten.

Das Eingeständnis – und seine Lücke

Der Spott in den sozialen Netzwerken war erheblich. Einen Tag später räumte „Bericht aus Berlin" den Fehler ein. In einer Mitteilung auf X hieß es sinngemäß, die Größenverhältnisse der Balken hätten nicht gestimmt, die Zahlen seien korrekt gewesen; man bitte um Entschuldigung und korrigiere die Grafik.

Auffällig an dieser Entschuldigung war, was in ihr fehlte: Mit keinem Wort benannte der Sender, welcher Balken falsch war. Wer nur die Korrektur las, ohne die Originalgrafik gesehen zu haben, konnte glauben, es habe sich um ein diffuses, ungerichtetes Versehen gehandelt. Tatsächlich ging der Fehler in genau eine Richtung – zulasten der Partei, die der Sender ohnehin am kritischsten begleitet.

Warum die Richtung zählt

Dass eine falsch skalierte Säule manipulativ wirken kann, ist keine Spekulation rechter Kreise – es ist Lehrbuchwissen. Die „ARD-Faktenfinder" selbst veröffentlichten bereits 2017 ein Erklärstück über die Gefahr verzerrter Balkendiagramme. Wenn dieselbe Redaktionswelt, die das Publikum vor solchen Tricks warnt, sie Jahre später im eigenen Programm anwendet, ist das mindestens ein Qualitätsproblem.

Die entscheidende Frage ist die nach der Zufälligkeit. Ein einzelner Grafikfehler ist menschlich. Aber Fehler verteilen sich, wenn sie wirklich zufällig sind, gleichmäßig über alle Parteien. Dass ausgerechnet immer wieder die Balken am rechten Rand zu kurz geraten, lässt sich mit reinem Zufall schwerer erklären als mit einem unbewussten redaktionellen Bias – einer Grundhaltung, die sich bis in die Bildregie durchschlägt.

Und jetzt der wichtige Teil: Wo Kritik in die Falle läuft

Hier muss Rundfunkkritik strenger sein als ihre Gegner. Denn parallel zum echten ARD-Fall kursierte im Netz ein zweites Bild – angeblich ein Screenshot aus dem ZDF-„Politbarometer", in dem die Balken noch viel krasser verzerrt waren: Die Union sprengte den Rahmen, die AfD war winzig, FDP und Linke hatten bei gleichem Wert unterschiedlich hohe Säulen.

Dieses ZDF-Bild war eine Fälschung. Es wurde nie gesendet. Gleich mehrere Faktenchecks – CORRECTIV, die dpa und die Nachrichtenagentur AFP – verglichen den kursierenden Screenshot mit der echten Sendung vom 23. Februar 2024 und stellten fest: Das Original-Diagramm war korrekt. Jemand hatte den Screenshot nachträglich am Computer verzerrt und als „Beweis" in Umlauf gebracht.

Wer beide Fälle in einen Topf wirft, beschädigt die eigene Sache. Der ARD-Balken vom 8. September ist ein belegter, vom Sender eingeräumter Fehler. Das ZDF-„Politbarometer"-Bild ist eine Manipulation durch Dritte. Seriöse Kritik am ÖRR muss diesen Unterschied selbst ziehen – sonst liefert sie den Sendern genau die Ausrede, mit der sie jede Kritik als „Desinformation" abräumen.

Fazit

Der Fall „Bericht aus Berlin" ist gerade deshalb stark, weil er sich nicht auf Verdacht stützt, sondern auf ein Eingeständnis des Senders. Die ARD hat einen Balken kleiner gemalt, als die Zahl es hergab, und sich dafür entschuldigt – nur eben so vage, dass die Richtung des Fehlers im Nebel blieb. Die Lehre ist doppelt: Misstrauen gegenüber Grafiken ist berechtigt. Und Misstrauen gegenüber den eigenen „Belegen" ist es genauso.

Weiterführende Quellen

rundfunkkritik.de · Recherche: Juni 2026 · Reine HTML-Ausgabe