Applaus vor dem ersten Witz
Die Nummer beginnt nicht mit einer Pointe, sondern mit Beifall. Das Studio klatscht, noch bevor etwas Komisches passiert ist. Der Komiker kommentiert das selbst: „Zwischenapplaus für den Hauptapplaus.“ Anlass ist ein hoher Umfragewert der AfD in Sachsen-Anhalt. Das Publikum applaudiert also nicht, weil etwas überrascht oder gelungen ist, sondern weil es sich einig weiß.
Das ist der Kern des Problems: Der Applaus fungiert hier nicht als Reaktion auf Komik. Er ist die Währung des Abends. Wer „die Richtigen“ benennt und „die Falschen“ verspottet, bekommt Beifall – ganz gleich, wie gut der Witz ist.
Der Beschreibungstext des Videos verspricht eine Frage: „Passen Anspruch und Wirklichkeit da eigentlich immer zusammen?“ Die Frage lässt sich zurückgeben. Passen Anspruch und Wirklichkeit bei einem Format zusammen, das seinem Publikum Beifall für die richtige Haltung verkauft und das als Satire bezeichnet, was streckenweise Herabsetzung ist?
Die Technik: Selbstvergewisserung statt Satire
Klassische Satire trifft Mächtige und rüttelt an Gewissheiten. Dieses Stück tut das Gegenteil: Es bestätigt, was alle im Saal ohnehin glauben. Der Komiker inszeniert sich als mutig („Ich komme aus Kreuzberg, da kostet das nichts“), obwohl er vor einem Publikum steht, das ihm zustimmt. Wer nichts riskiert, kann auch nichts entlarven.
Dazu kommt ein permanenter Selbstbezug aufs eigene Milieu: „Unmännlichkeitsboot“, „Happy Pride“, „Hetero Plus“. Die Pointen funktionieren als Erkennungszeichen. Wer dazugehört, lacht. Wer nicht, ist nicht gemeint – und nicht gefragt.
Körper als Pointe: der Witz über Goebbels
Bemerkenswert ist eine Passage, in der der Komiker den Nazi-Vorwurf des „unwerten Lebens“ gegen eine körperliche Behinderung von Joseph Goebbels wendet („selber so ein Klumpfuß“). Dieselbe Nummer wirft der AfD wenige Minuten später vor, gegen Inklusion zu sein. Dass eine Behinderung selbst zur Pointe wird, fällt im Saal niemandem auf. Der Applaus kommt trotzdem.
Die Weidel-Passage: Herabwürdigung statt Argument
Der Text baut Alice Weidel als Figur auf, die „zwei Sachen liebt“, und steigert das zu einer sexuellen Anspielung, die ausdrücklich ihre aus Sri Lanka stammende Lebensgefährtin einbezieht. Das Publikum applaudiert. Man muss sich nicht auf Weidels Seite stellen, um das widerlich zu finden: Die Passage macht eine Frau zum Objekt einer sexuellen Pointe und benutzt zugleich eine Dritte, die gar nicht im Raum ist, als Requisite. Gleichzeitig kritisiert dieselbe Nummer an anderer Stelle Homophobie und Ausländerfeindlichkeit.
Hier kippt Satire in bloße Verächtlichmachung. Satire darf überspitzen, sie darf wehtun. Aber sie braucht eine Aussage, die sich auf Handeln, Haltung oder Widerspruch bezieht. Wenn die Pointe allein darin besteht, dass eine Person (und ihre Partnerin) sexuell vorgeführt wird, ist sie keine Kritik, sondern Demütigung mit Beitragsgeld.
Die Gretchenfrage: Würde das bei anderen Parteien laufen?
Ein Test, den jede Redaktion kennt: Man tausche die Zielscheibe aus. Eine sexualisierte Anspielung auf die Partnerin einer Politikerin der Linken, der Grünen oder der CDU – im Beitragsprogramm, mit Szenenapplaus? Die Antwort kennt jeder. Hier liegt das eigentliche Neutralitätsproblem: nicht darin, dass die AfD kritisiert wird (das darf und muss sein), sondern darin, dass für sie andere Maßstäbe gelten als für alle anderen.
Der Medienstaatsvertrag verpflichtet die öffentlich-rechtlichen Angebote auf Meinungsvielfalt und Ausgewogenheit. Dass die Sendung beim ZDF produziert und über den ZDF-Kanal verbreitet wird, macht sie zum Beitragsprogramm; wie die Verpflichtung auf ein Satireformat anzuwenden ist, darf diskutiert werden. Dass Satire Freiraum braucht, ist unbestritten. Aber dieser Freiraum schützt nicht automatisch jede Pointe vor der Frage, ob sie vom Rundfunkbeitrag bezahlt werden soll.
Was bleibt
Ein Publikum, das klatscht, bevor gelacht wird. Ein Komiker, der Mut spielt, wo keiner nötig ist. Und eine Passage, die zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Satire und Herabsetzung wird, wenn niemand widerspricht. Es lohnt sich, bei der nächsten ÖRR-Comedy auf eine einfache Sache zu achten: Wer applaudiert wem – und wofür?