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Drei Billionen-Studien, drei Größen: KfW, DIHK und Raffelhüschen im Vergleich

Am 12. Oktober 2026 stellte die KfW eine Studie vor, nach der Deutschland bis 2045 rund sechs Billionen Euro in die Klimaneutralität investieren muss. In sozialen Netzwerken wird die Zahl mit zwei älteren Studien verglichen: der DIHK-Studie zur Energiewende (bis zu 5,4 Billionen Euro) und der Berechnung von Bernd Raffelhüschen zur Zuwanderung (5,8 Billionen Euro). Die Zahlen ähneln sich. Gemessen wird jeweils etwas anderes.

Stand: 13. Oktober 2026 · Lesezeit: ca. 6 Minuten

Kurzfassung

  • KfW/Prognos (12.10.2026): rund 6 Billionen Euro Bruttoinvestitionen bis 2045, im Schnitt 290 Milliarden Euro pro Jahr.
  • DIHK/Frontier Economics (2025): 4,8 bis 5,4 Billionen Euro Energiesystemkosten für 2025 bis 2049.
  • Raffelhüschen (2024): 5,8 Billionen Euro zusätzliche Nachhaltigkeitslücke der öffentlichen Haushalte durch Zuwanderung, methodisch umstritten.
  • Das heute journal vom 12. Oktober 2026 nennt in seiner Themenübersicht die KfW-Studie nicht.

1. Die KfW-Studie vom 12. Oktober 2026

Das Beratungsunternehmen Prognos hat im Auftrag der KfW berechnet, welche Investitionen für das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 nötig sind. Das Ergebnis: rund sechs Billionen Euro, durchschnittlich 290 Milliarden Euro pro Jahr. Nach Angaben der dts-Nachrichtenagentur entfallen 45 Prozent auf den Verkehr, 25 Prozent auf die Energie, 22 Prozent auf Gebäude und 8 Prozent auf die Industrie.

KfW-Vorstandschef Stefan Wintels nannte die Aufgabe „anspruchsvoll, aber machbar“. Er verwies darauf, dass Deutschland auch beim Festhalten an fossilen Technologien stark investieren müsste. Die Vorgängerstudie von 2021 hatte rund fünf Billionen Euro beziffert, im Schnitt 191 Milliarden Euro pro Jahr.

2. Die DIHK-Studie „Plan B“ (2025)

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer ließ von Frontier Economics die Kosten der Energiewende bei Fortführung der aktuellen Politik berechnen. Die Studie nennt für 2025 bis 2049 eine Spanne von 4,8 bis 5,4 Billionen Euro. Davon entfallen 2,0 bis 2,3 Billionen Euro auf Energieimporte, rund 1,2 Billionen Euro auf Netze, 1,1 bis 1,5 Billionen Euro auf neue Erzeugungskapazitäten und rund 500 Milliarden Euro auf den Betrieb der Anlagen. Mit dem vorgeschlagenen „Plan B“ ließen sich laut Studie 530 bis 910 Milliarden Euro bis 2050 einsparen.

Die Schlagzeile „Energiewende kostet uns 5,4 Billionen Euro“ gibt den oberen Wert der Spanne wieder. Die Studie wurde von der DIHK in Auftrag gegeben, einem Interessenverband der Wirtschaft.

3. Die Raffelhüschen-Studie (2024)

Bernd Raffelhüschen berechnete mit zwei Kollegen im Auftrag der Stiftung Marktwirtschaft die fiskalische Bilanz der Zuwanderung nach der Methode der Generationenbilanzierung. Die 5,8 Billionen Euro bezeichnen die Ausweitung der impliziten Verschuldung, also der Nachhaltigkeitslücke der öffentlichen Haushalte. Sie beträgt in der Studie 13,4 Billionen Euro ohne und 19,2 Billionen Euro mit weiterer Zuwanderung.

Der EU Fact Check stellte fest, dass die Aussage auf Raffelhüschens Berechnung beruht und nach dieser Rechnung zutrifft. Zugleich verweist er auf Ökonomen wie Martin Werding und Jens Südekum, die die Methode kritisieren. Werding kam im Sachverständigenrat mit einem anderen Ansatz zu einer Entlastung der öffentlichen Haushalte von rund 104 Milliarden Euro jährlich.

4. Was die Zahlen jeweils messen

StudieAuftraggeberZeitraumZahlGemessen wird
KfW/Prognos 2026KfW (staatliche Förderbank)bis 2045ca. 6 Bio. €Bruttoinvestitionen, darunter ohnehin fällige Ersatzinvestitionen
DIHK/Frontier 2025DIHK2025–20494,8–5,4 Bio. €Energiesystemkosten: Importe, Netze, Erzeugung, Betrieb
Raffelhüschen 2024Stiftung Marktwirtschaftlangfristig5,8 Bio. €Zunahme der fiskalischen Nachhaltigkeitslücke (Generationenbilanz)

Die Zahlen sind weder untereinander addierbar noch direkt vergleichbar: Eine Studie misst Investitionen, eine laufende Systemkosten, die dritte eine rechnerische Lücke der öffentlichen Haushalte.

5. Die Berichterstattung am 12. Oktober

Ein X-Nutzer (@tomdabassman) schrieb, das ZDF habe sich 15 Minuten lang am Rücktritt einer Ministerin abgearbeitet und die KfW-Studie in 37 Sekunden im gemischten Nachrichtenblock behandelt. Welche Sendung gemeint ist, nennt der Beitrag nicht.

Das heute journal vom 12. Oktober 2026 dauerte laut ZDF 31 Minuten. Die Themenübersicht des ZDF nennt den Rücktritt von Bärbel Bas mit einem Interview des SPD-Chefs Lars Klingbeil, die Krisenklausur der CDU mit dem Ziel einer niedrigeren Stromsteuer und neue EU-Sanktionen gegen Russland. Die KfW-Studie wird dort nicht aufgeführt.

Fairness

  • Themenübersichten sind nicht vollständig. Die Studie kann in einem Nachrichtenblock behandelt worden sein, ohne dort genannt zu werden.
  • Der Rücktritt einer Bundesministerin und Parteivorsitzenden ist ein innenpolitisches Ereignis mit hoher Nachrichtenrelevanz. Die Gewichtung von Themen ist eine redaktionelle Ermessensentscheidung.
  • Die KfW selbst bewertet die Aufgabe als machbar und weist darauf hin, dass ein großer Teil der Investitionen ohnehin anfiele.

Beleglücken

  • Die Angabe „15 Minuten“ und „37 Sekunden“ stammt allein aus dem X-Beitrag (Kategorie 3). Eine Zeitmessung der Sendung liegt nicht vor.
  • Die Angaben zum klimabedingten Mehrbedarf gegenüber einem fossilen Pfad weichen zwischen Berichten ab: Die Verkehrsrundschau nennt rund 145 Milliarden Euro jährlich, andere Fachportale nennen 65 Milliarden Euro. Die KfW-Originalstudie wurde nicht eingesehen.
  • Die im X-Beitrag genannte Auslandsabhängigkeit von 50 Prozent im Endausbau (Fraunhofer IEE) ist nicht belegt.
  • Zur Berichterstattung von ARD und ZDF über die DIHK- und die Raffelhüschen-Studie liegen hier keine Daten vor.

Quellen

K1 = Primärquellen und Auftraggeber (bei Auftraggebern ist die Interessenlage zu beachten), K2 = etablierter Journalismus und Faktencheck, K3 = Meinung oder Einzelquelle.

Weiterführende Analysen