Analyse · RKI-Files · 2024
ARD, ZDF und Volksverpetzer erklärten die RKI-Files für unspektakulär. Vier Monate später widerlegten die eigenen Protokolle des RKI eine der zentralen Botschaften der Pandemie.
Ein Dokument, zwei Lesarten — und eine Frage, die niemand stellen wollte. Diese Analyse zeigt anhand der RKI-Files, wie der ÖRR und sein privater Faktenchecker-Verbündeter einen Sachverhalt einordneten, bevor die entscheidenden Seiten zugänglich waren. Und was danach passierte.
Das Magazin erstreitet nach langem Rechtsstreit die Herausgabe von rund 2.000 Seiten RKI-Krisenstabsprotokollen — teilweise geschwärzt. Die Redaktion lädt alle Journalisten zur Mitrecherche ein.
Primärdokument · teilweise geschwärztFünf Tage nach Veröffentlichung des rund 2.000-seitigen Konvoluts erklärt der ARD-Faktenfinder: Die Inhalte seien laut Experten weit weniger brisant als von Querdenkern behauptet. Hauptzeuge: Epidemiologe Hajo Zeeb.
„Die Inhalte sind laut Experten weit weniger brisant, als es vor allem in ‚Querdenker'-Kreisen behauptet wird."Der meistgelesene deutsche Faktenchecker-Blog schließt sich an: Das RKI habe sorgfältig und evidenzbasiert gearbeitet. Wer Skandale sehe, reißt Sätze aus dem Kontext. Netzwerkpartner Chan-jo Jun, der Haus-Anwalt des Blogs, hatte zuvor in gemeinsamen Auftritten querdenkerische Rechtspositionen kommentiert.
„Das RKI hat in der Pandemie Maßnahmen sorgfältig und evidenzbasiert abgewogen. Das zeigen auch die sog. RKI-Files."Der ARD-Faktenfinder-Artikel wird über den offiziellen Tagesschau-Account verbreitet — ohne eigene redaktionelle Prüfung der 2.000 Seiten.
Reichweite: mehrere Millionen FollowerAuch das ZDF findet nach Sichtung der (noch nicht vollständig entschwärzten) Protokolle keine skandalösen Befunde. Das Bild des RKI als wissenschaftlich fundiert arbeitende Behörde bleibt stabil.
Basis: teilweise geschwärzte FassungEine Journalistin veröffentlicht den kompletten Datensatz aller RKI-Krisenstabsprototokolle — rund 4.000 Seiten plus zehn Gigabyte Zusatzmaterial, vollständig und ungeschwärzt. Bestätigt und ausgewertet u.a. von Berliner Zeitung, NZZ und Deutschem Ärzteblatt.
Primärdokument · vollständig · ungeschwärztDie Süddeutsche Zeitung fragt — einen Tag nach Veröffentlichung der 4.000 Seiten — wo der Skandal sei. Die Überschrift wird kurz darauf still geändert, nachdem in sozialen Netzwerken Dutzende brisanter Protokollpassagen aufgelistet werden.
Überschrift nachträglich geändert„In den Medien wird von einer Pandemie der Ungeimpften gesprochen.
Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt bei.
[…] Sagt Minister bei jeder Pressekonferenz,
vermutlich bewusst, kann eher nicht korrigiert werden."
RKI-Krisenstabsprotokoll · 5. November 2021 · Punkt: Wissenschaftskommunikation
Bestätigt durch: Berliner Zeitung (23.07.2024) · NZZ (24.07.2024) · Deutsches Ärzteblatt (24.07.2024)
Der Begriff „Pandemie der Ungeimpften" war nicht Volksverpetzers Erfindung — er kam vom damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der ihn auf Pressekonferenzen wiederholte. Das RKI hatte ihn intern als fachlich falsch eingestuft. Auch Christian Drosten hatte ihn öffentlich kritisiert. Keine dieser Informationen stand in der geschwärzten Fassung vom März.
ARD, ZDF, Volksverpetzer, SZ — übereinstimmend. Gestützt auf: Experten-Einschätzungen, teilweise geschwärzte Dokumente, 5 Tage Recherche.
„Die RKI-Files und der Skandal, der keiner ist."
— ARD-Faktenfinder, Tagesschau, 25.03.2024
Protokoll der RKI-Krisenstabssitzung vom 05.11.2021. Bestätigt und zitiert durch Berliner Zeitung, NZZ, Deutsches Ärzteblatt.
„Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt bei."
— RKI-Krisenstabsprotokoll, 05.11.2021
Pascal Siggelkow stützt seinen Befund „kein Skandal" nicht auf eigene Auswertung des Gesamtdokuments, sondern auf Experten-Einschätzungen. Hauptzeuge Hajo Zeeb ist Professor für Epidemiologie — und gleichzeitig Kommissionsmitglied am RKI. Dieser Interessenkonflikt wird im Artikel nicht erwähnt.
Volksverpetzer-Gründer Thomas Laschyk und IT-Anwalt Chan-jo Jun traten in der Pandemie regelmäßig gemeinsam auf — Jun kommentierte juristische Querdenker-Positionen für das Blog. Kein Vorwurf, aber ein Kontext: Wer mit wem denkt, formt Perspektiven. Der Artikel erwähnt keine Gegenstimme aus der Wissenschaft.
„Und wo ist jetzt der Skandal?" — die Überschrift des SZ-Artikels vom 24. Juli 2024 (einen Tag nach dem vollständigen Leak) wurde nach öffentlichem Druck still verändert. Was in den 4.000 Seiten stand, hatte die Autorin offenkundig noch nicht vollständig gelesen.
Faktenchecker-Blog, gegründet von Thomas Laschyk. Gemeinnützigkeit 2024 entzogen (Finanzamt Augsburg: „zu journalistisch"). Finanziert sich über Spenden. Regelmäßige Kooperation mit Chan-jo Jun.
IT- und Medienrechtler (Würzburg). Hat Facebook und Twitter vor deutschen Gerichten erfolgreich verklagt. 2024: Bayerischer Verfassungsorden von Landtagspräsidentin Ilse Aigner — „für besondere Verdienste um die bayerische Verfassung." Seit November 2022 auf Vorschlag der Grünen-Fraktion stellvertretendes Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs. Diese Würdigung hat er sich verdient.
September 2025, Hart aber Fair: Jun bezeichnete die Meinungsfreiheit als „Strohmann, der immer wieder aufgestellt wird" und sprach sich für Löschung von Inhalten unterhalb der Strafbarkeitsschwelle aus. CDU-Politikerin Kristina Schröder: „Wollen Sie eine neue Kategorie aufmachen — nicht rechtswidrig, aber trotzdem verboten?"
Öffentlich-rechtlich finanzierter Faktencheck. Stützte RKI-Files-Einordnung auf Experte Hajo Zeeb — RKI-Kommissionsmitglied. Selbstverständnis: unabhängig. Frage: Wessen Experten?
Bundesoberbehörde. Protokollierte intern: „Pandemie der Ungeimpften — aus fachlicher Sicht nicht korrekt." Kommunizierte es extern nicht. Das ist der dokumentierte Kern.
ARD, ZDF, Volksverpetzer und SZ haben im Frühjahr 2024 mit geschwärztem Material gearbeitet und trotzdem Endurteile gefällt. Als die vollständigen Protokolle im Juli 2024 vorlagen, enthielten sie eine Passage, die genau jene Fragen als berechtigt auswies, die zuvor als Querdenker-Inszenierung abgetan worden waren. Das ist kein Beweis für bösen Willen. Es ist ein Lehrstück dafür, warum Faktenchecks Zwischenstände sind — und warum die Fähigkeit, sie als solche zu lesen, keine Frage der politischen Haltung ist, sondern des Handwerks.