Analyse · RKI-Files · 2024

„Kein Skandal" —
und dann?

ARD, ZDF und Volksverpetzer erklärten die RKI-Files für unspektakulär. Vier Monate später widerlegten die eigenen Protokolle des RKI eine der zentralen Botschaften der Pandemie.

Rundfunkkritik.de · Analyse · 2024

Ein Dokument, zwei Lesarten — und eine Frage, die niemand stellen wollte. Diese Analyse zeigt anhand der RKI-Files, wie der ÖRR und sein privater Faktenchecker-Verbündeter einen Sachverhalt einordneten, bevor die entscheidenden Seiten zugänglich waren. Und was danach passierte.

Chronologie
20. März 2024
Multipolar veröffentlicht die RKI-Protokolle

Das Magazin erstreitet nach langem Rechtsstreit die Herausgabe von rund 2.000 Seiten RKI-Krisenstabsprotokollen — teilweise geschwärzt. Die Redaktion lädt alle Journalisten zur Mitrecherche ein.

Primärdokument · teilweise geschwärzt
25. März 2024 — ARD-Faktenfinder
Pascal Siggelkow: „Die RKI-Files und der Skandal, der keiner ist"

Fünf Tage nach Veröffentlichung des rund 2.000-seitigen Konvoluts erklärt der ARD-Faktenfinder: Die Inhalte seien laut Experten weit weniger brisant als von Querdenkern behauptet. Hauptzeuge: Epidemiologe Hajo Zeeb.

„Die Inhalte sind laut Experten weit weniger brisant, als es vor allem in ‚Querdenker'-Kreisen behauptet wird."
— ARD-Faktenfinder, 25.03.2024
Kleines Detail: Zeeb ist Kommissionsmitglied am RKI
28. März 2024 — Volksverpetzer
Thomas Laschyk & Sophie Scheingraber: „Wie Medien auf die Querdenker-Inszenierung hereinfielen"

Der meistgelesene deutsche Faktenchecker-Blog schließt sich an: Das RKI habe sorgfältig und evidenzbasiert gearbeitet. Wer Skandale sehe, reißt Sätze aus dem Kontext. Netzwerkpartner Chan-jo Jun, der Haus-Anwalt des Blogs, hatte zuvor in gemeinsamen Auftritten querdenkerische Rechtspositionen kommentiert.

„Das RKI hat in der Pandemie Maßnahmen sorgfältig und evidenzbasiert abgewogen. Das zeigen auch die sog. RKI-Files."
— Volksverpetzer, 28.03.2024
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung: Dokumente noch teilweise geschwärzt
28. März 2024 — Tagesschau (Twitter/X)
Offizieller Tagesschau-Account teilt: „Die RKI-Files und der Skandal, der keiner ist"

Der ARD-Faktenfinder-Artikel wird über den offiziellen Tagesschau-Account verbreitet — ohne eigene redaktionelle Prüfung der 2.000 Seiten.

Reichweite: mehrere Millionen Follower
1. Juni 2024 — ZDF
Nils Metzger: Protokolle weisen auf „keine neuen politischen Skandale" hin

Auch das ZDF findet nach Sichtung der (noch nicht vollständig entschwärzten) Protokolle keine skandalösen Befunde. Das Bild des RKI als wissenschaftlich fundiert arbeitende Behörde bleibt stabil.

Basis: teilweise geschwärzte Fassung
23. Juli 2024
Whistleblower-Leak: 4.000 Seiten, vollständig entschwärzt

Eine Journalistin veröffentlicht den kompletten Datensatz aller RKI-Krisenstabsprototokolle — rund 4.000 Seiten plus zehn Gigabyte Zusatzmaterial, vollständig und ungeschwärzt. Bestätigt und ausgewertet u.a. von Berliner Zeitung, NZZ und Deutschem Ärzteblatt.

Primärdokument · vollständig · ungeschwärzt
24. Juli 2024 — SZ
Christina Berndt: „Und wo ist jetzt der Skandal?"

Die Süddeutsche Zeitung fragt — einen Tag nach Veröffentlichung der 4.000 Seiten — wo der Skandal sei. Die Überschrift wird kurz darauf still geändert, nachdem in sozialen Netzwerken Dutzende brisanter Protokollpassagen aufgelistet werden.

Überschrift nachträglich geändert
Das Schlüsseldokument
„In den Medien wird von einer Pandemie der Ungeimpften gesprochen.
Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt bei.
[…] Sagt Minister bei jeder Pressekonferenz,
vermutlich bewusst, kann eher nicht korrigiert werden."

RKI-Krisenstabsprotokoll · 5. November 2021 · Punkt: Wissenschaftskommunikation
Bestätigt durch: Berliner Zeitung (23.07.2024) · NZZ (24.07.2024) · Deutsches Ärzteblatt (24.07.2024)

Der Begriff „Pandemie der Ungeimpften" war nicht Volksverpetzers Erfindung — er kam vom damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der ihn auf Pressekonferenzen wiederholte. Das RKI hatte ihn intern als fachlich falsch eingestuft. Auch Christian Drosten hatte ihn öffentlich kritisiert. Keine dieser Informationen stand in der geschwärzten Fassung vom März.

Damals — Heute
Juli 2024 · RKI-Protokoll (ungeschwärzt)
„Pandemie der Ungeimpften — aus fachlicher Sicht nicht korrekt. Sagt Minister vermutlich bewusst."

Protokoll der RKI-Krisenstabssitzung vom 05.11.2021. Bestätigt und zitiert durch Berliner Zeitung, NZZ, Deutsches Ärzteblatt.

„Aus fachlicher Sicht nicht korrekt, Gesamtbevölkerung trägt bei."
— RKI-Krisenstabsprotokoll, 05.11.2021
Drei Faktenchecker · Ein Muster
ARD-Faktenfinder

5 Tage, 2.000 Seiten, ein Experte

Pascal Siggelkow stützt seinen Befund „kein Skandal" nicht auf eigene Auswertung des Gesamtdokuments, sondern auf Experten-Einschätzungen. Hauptzeuge Hajo Zeeb ist Professor für Epidemiologie — und gleichzeitig Kommissionsmitglied am RKI. Dieser Interessenkonflikt wird im Artikel nicht erwähnt.

Quelle: ARD-Faktenfinder, 25.03.2024 · connections.news, Sep 2025
Volksverpetzer + Chan-jo Jun

Netzwerk als Kontext

Volksverpetzer-Gründer Thomas Laschyk und IT-Anwalt Chan-jo Jun traten in der Pandemie regelmäßig gemeinsam auf — Jun kommentierte juristische Querdenker-Positionen für das Blog. Kein Vorwurf, aber ein Kontext: Wer mit wem denkt, formt Perspektiven. Der Artikel erwähnt keine Gegenstimme aus der Wissenschaft.

Quelle: Volksverpetzer-Archiv · Anwaltsblatt-Porträt Chan-jo Jun
SZ / Berndt

Die nachträglich geänderte Überschrift

„Und wo ist jetzt der Skandal?" — die Überschrift des SZ-Artikels vom 24. Juli 2024 (einen Tag nach dem vollständigen Leak) wurde nach öffentlichem Druck still verändert. Was in den 4.000 Seiten stand, hatte die Autorin offenkundig noch nicht vollständig gelesen.

Quelle: norberthaering.de · reitschuster.de · 26.07.2024
Wer spricht mit wem
Das Faktenchecker-Netzwerk rund um die RKI-Files-Berichterstattung
VV
Volksverpetzer

Faktenchecker-Blog, gegründet von Thomas Laschyk. Gemeinnützigkeit 2024 entzogen (Finanzamt Augsburg: „zu journalistisch"). Finanziert sich über Spenden. Regelmäßige Kooperation mit Chan-jo Jun.

CJ
Chan-jo Jun — stellv. Mitglied, Bayerischer Verfassungsgerichtshof

IT- und Medienrechtler (Würzburg). Hat Facebook und Twitter vor deutschen Gerichten erfolgreich verklagt. 2024: Bayerischer Verfassungsorden von Landtagspräsidentin Ilse Aigner — „für besondere Verdienste um die bayerische Verfassung." Seit November 2022 auf Vorschlag der Grünen-Fraktion stellvertretendes Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs. Diese Würdigung hat er sich verdient.

September 2025, Hart aber Fair: Jun bezeichnete die Meinungsfreiheit als „Strohmann, der immer wieder aufgestellt wird" und sprach sich für Löschung von Inhalten unterhalb der Strafbarkeitsschwelle aus. CDU-Politikerin Kristina Schröder: „Wollen Sie eine neue Kategorie aufmachen — nicht rechtswidrig, aber trotzdem verboten?"

ARD
ARD-Faktenfinder (Pascal Siggelkow)

Öffentlich-rechtlich finanzierter Faktencheck. Stützte RKI-Files-Einordnung auf Experte Hajo Zeeb — RKI-Kommissionsmitglied. Selbstverständnis: unabhängig. Frage: Wessen Experten?

RKI
Robert-Koch-Institut

Bundesoberbehörde. Protokollierte intern: „Pandemie der Ungeimpften — aus fachlicher Sicht nicht korrekt." Kommunizierte es extern nicht. Das ist der dokumentierte Kern.

Werkzeugkasten · Medienkompetenz

Fünf Fragen, die man jedem Faktencheck stellen sollte

  1. Welche Behauptung wird geprüft? Oft ist das, was widerlegt wird, nicht das, was ursprünglich zur Debatte stand. Ein Faktencheck kann korrekt und trotzdem an der Frage vorbeigehen.
  2. Wie alt sind die Quellen — und waren sie vollständig? Im März 2024 waren die RKI-Protokolle zu weiten Teilen geschwärzt. Wer mit geschwärzten Dokumenten arbeitet, kann keine vollständige Einordnung liefern.
  3. Wer sind die Experten — und welche Interessen haben sie? Ein Epidemiologe, der gleichzeitig Kommissionsmitglied am RKI ist, hat eine institutionelle Nähe zu dem Dokument, das er bewertet.
  4. Was steht nicht drin? Das Fehlen eines Befunds ist kein Befund. Was ein Faktencheck nicht prüft, widerlegt er auch nicht.
  5. Wurde der Artikel nach neuen Erkenntnissen aktualisiert? Seriöser Journalismus korrigiert sich. Ein Datum am Artikelanfang reicht nicht, wenn das Primärdokument vier Monate später anders aussieht.
Fazit

Dokumente altern nicht. Schwärzungen schon.

ARD, ZDF, Volksverpetzer und SZ haben im Frühjahr 2024 mit geschwärztem Material gearbeitet und trotzdem Endurteile gefällt. Als die vollständigen Protokolle im Juli 2024 vorlagen, enthielten sie eine Passage, die genau jene Fragen als berechtigt auswies, die zuvor als Querdenker-Inszenierung abgetan worden waren. Das ist kein Beweis für bösen Willen. Es ist ein Lehrstück dafür, warum Faktenchecks Zwischenstände sind — und warum die Fähigkeit, sie als solche zu lesen, keine Frage der politischen Haltung ist, sondern des Handwerks.

Primärquellen