Demokratischer Journalismus lebt von einer Grundbedingung: Wer regiert, muss sich unbequemen
Fragen stellen. Und wer diese Fragen stellt, muss das tun dürfen — ohne abgeblendet,
ausgeschlossen oder wegempfohlen zu werden. Was in den Corona-Jahren passierte, ist
dokumentiert. Hier sind die Dokumente.
Vier Vorgänge — chronologisch
Januar 2021 · Bundespressekonferenz
Merkel räumt ein: politische Entscheidung, nicht Wissenschaft
Ein Journalist fragt die Bundeskanzlerin auf der Bundespressekonferenz nach der wissenschaftlichen
Grundlage für den harten Lockdown-Kurs. Merkel antwortet — und sagt dabei etwas, das
als Eingeständnis in die Geschichte eingehen wird:
Selber Tag · ARD-Tagesschau
Die Kamera geht weg — vier Minuten zu früh
Zuschauer berichten direkt nach der Pressekonferenz: Die Tagesschau hat ihre
Direktübertragung während der kritischen Frage beendet. Begründung: Die
12-Uhr-Ausgabe nähere sich. Auf dem Mitschnitt ist die Zeitmarke oben links
erkennbar: 11:56 Uhr.
Dezember 2021 · Bayerischer Rundfunk
Interne Empfehlung: möglichst nur Geimpfte vor die Kamera
Eine interne E-Mail der Hauptabteilung Produktionsservice des BR vom 1. Dezember 2021
wird öffentlich. Inhalt: „Dringende Empfehlung: Möglichst nur Wahl von Protagonisten,
die geimpft sind." Der BR-Pressesprecher bestätigt die Echtheit des Dokuments —
nennt es eine „Handlungsempfehlung" zum Infektionsschutz der Mitarbeitenden.
Januar 2021 · Bayerischer Landtag
CSU-Fraktionschef: nicht nach außen tragen ist gut
CSU-Fraktionsvorsitzender Thomas Kreuzer äußert sich öffentlich: Er finde es gut,
wenn regierungskritische Abgeordnete vom BR in der Parlamentsübertragung nicht
nach „außen" getragen werden. Der betreffende Redebeitrag eines Landtagsabgeordneten
wurde vom BR nicht übertragen. Der Journalist Markus Langemann dokumentiert den
Vorgang und veröffentlicht den nicht gesendeten Redebeitrag.
BR-Intendant Ulrich Wilhelm antwortet schriftlich.
Dezember 2021 / März 2022 · Bundespressekonferenz
Der Journalist darf nicht mehr fragen
Der Journalist, der Merkel die unangenehme Frage gestellt hatte, wird aus der
Bundespressekonferenz ausgeschlossen. Erste Begründung: eine Firmenadresse in Montenegro
im Impressum. Endgültige Begründung: Er erfülle „die Erfordernisse eines deutschen
Parlamentskorrespondenten" nicht, weil sein Wohnsitz im Ausland liege.
Sein Widerspruch wird zurückgewiesen.
Das Eingeständnis — im Wortlaut
„Es gibt in dem Ganzen auch politische Grundsatzentscheidungen, die haben mit
Wissenschaft nichts zu tun. […] Mit der Einladung von bestimmten Wissenschaftlern
wollen wir auf bestimmte Fragen, die uns interessieren und die nicht politischer
Natur sind, Antworten bekommen."
Angela Merkel · Bundespressekonferenz, Januar 2021
Wortprotokoll: reitschuster.de — Stenogramm von Fragen und Antworten
Mit anderen Worten: Man hat sich ganz bewusst nur mit solchen Experten umgeben,
die die politisch gewünschten Ratschläge erteilen würden. Das ist keine Interpretation —
das ist die Aussage der Kanzlerin selbst. Fragen dazu konnten nur gestellt werden,
weil das Format der Bundespressekonferenz das damals noch ermöglichte.
Bemerkenswert ist auch, was Merkel drei Monate später im Bundestag sagte:
Sie warb für globale Impfprogramme mit dem Argument, wenn es nicht gelinge,
weltweit zu impfen, könnten sich weitere Mutanten entwickeln, gegen die
bestehende Impfstoffe womöglich nicht mehr wirkten. Und bereits im Februar 2021
hatte sie auf einer Pressekonferenz nach dem G7-Gipfel formuliert, die Pandemie
sei „erst besiegt, wenn alle Menschen auf der Welt geimpft sind."
Die drei Merkel-Aussagen — alle primärquellenfähig
Januar 2021, BPK: „Es gibt politische Grundsatzentscheidungen,
die haben mit Wissenschaft nichts zu tun." — Wortprotokoll, Bundespressekonferenz.
19. Februar 2021, G7-PK: Die Pandemie sei „erst besiegt, wenn alle
Menschen auf der Welt geimpft sind." — Bundesregierung.de, Originallink in
Bundestagsdrucksache 20/4657 dokumentiert.
25. März 2021, Bundestag: Wenn es nicht gelinge, weltweit zu impfen,
könnten sich weitere Mutanten entwickeln, gegen die Impfstoffe womöglich nicht mehr wirkten.
— Bundestagsarchiv, kw12-de-regierungserklaerung.
Die Ausblendung — was die ARD dokumentiert
Die Tagesschau übertrug die Bundespressekonferenz live. Als die kritische Frage
an die Kanzlerin gestellt wurde, endete die Übertragung. Die angegebene Begründung:
Die 12-Uhr-Ausgabe der Tagesschau nähere sich. Die dokumentierte Uhrzeit auf dem
Mitschnitt: 11:56.
Zwei Erklärungen stehen im Raum — eine technisch-zufällige, eine andere.
Was sich nicht wegdiskutieren lässt: Das Timing war unglücklich. Und die Tagesschau
hat dazu keine öffentliche Erklärung abgegeben.
Der BR, die Empfehlung und der Landtag
Das BR-Dokument vom 1. Dezember 2021 ist in seinem Wortlaut eindeutig:
„Dringende Empfehlung: Möglichst nur Wahl von Protagonisten, die geimpft sind."
Der Pressesprecher des BR bestätigte die Echtheit — sprach von einer
Handlungsempfehlung für den Infektionsschutz der Mitarbeitenden im Außeneinsatz,
nicht von Redaktionspolitik.
Infektionsschutz für Mitarbeitende im Außeneinsatz.
„Möglichst nur Wahl von Protagonisten, die geimpft sind" —
gilt für alle Außenproduktionen, nicht nur für körpernahe Drehs.
Redaktionelle Entscheidung liegt allein bei den Redaktionen.
„Dringende Empfehlung" aus der Hauptabteilung Produktionsservice —
an wen richtet sich eine dringende Empfehlung, wenn nicht an die, die entscheiden?
Ungeimpfte werden interviewt — als Belege werden fünf Beispiele genannt.
Eines der genannten Beispiele entstand vor dem Datum der Empfehlung.
Eine Krankenschwester darf nur am Telefon sprechen — nicht vor der Kamera.
Parallel dazu: Bayerischer Landtag, Januar 2021. Ein Abgeordneter hält einen
Redebeitrag zur Corona-Politik — kritisch, maßnahmenskeptisch. Der BR überträgt
ihn nicht. CSU-Fraktionsvorsitzender Thomas Kreuzer kommentiert das öffentlich:
Er finde es gut, wenn regierungskritische Redebeiträge nicht nach außen getragen werden.
Das ist kein privates Meinungsbild. Das ist der Fraktionsvorsitzende der Regierungspartei,
der öffentlich billigt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk parlamentarische Opposition
aus seiner Übertragung herausfiltert.
Was das bedeutet — und was es nicht bedeutet
Zur Einordnung: Keiner der hier beschriebenen Vorgänge beweist
eine zentrale Steuerung oder einen abgestimmten Plan. Was sie zeigen, ist struktureller
Natur: Mechanismen, die unbequeme Stimmen aus dem Sendebetrieb heraushalten — durch
Empfehlungen, Abblenden, Ausschlüsse, öffentliches Lob dafür. Das lässt sich
mit Quellen belegen. Die Bewertung liegt beim Leser.
Was der Rundfunkbeitrag finanziert
ARD und BR werden durch Pflichtbeiträge finanziert — 18,36 Euro monatlich pro Haushalt.
Der gesetzliche Auftrag: unabhängige, dem Gemeinwohl verpflichtete Berichterstattung.
Dieser Auftrag schließt ausdrücklich die Kontrolle der Regierung ein.
Ein Redakteur, der eine kritische Frage abwendet, ist das Gegenteil dieses Auftrags.
Ein Sender, der empfiehlt, nur Geimpfte vor die Kamera zu lassen, schränkt den
Meinungskorridor seiner Berichterstattung ein — unabhängig von der Begründung.
Ein Fraktionschef, der das öffentlich gut findet, sagt damit, wie er den
öffentlich-rechtlichen Rundfunk versteht: als verlängerten Arm der Regierung.
Angela Merkel hat auf Nachfrage eingeräumt, dass Corona-Maßnahmen politische
Entscheidungen waren. Das ist dokumentiert. Was danach passierte — mit der Übertragung,
mit dem Journalisten, mit dem Abgeordneten im Landtag — ist ebenfalls dokumentiert.
Die Frage, die sich stellt, ist keine politische. Sie ist eine journalistische:
Wäre das alles bekannter, wenn die Tagesschau weitergesendet hätte?
Quellen
- Merkel: „Politische Grundsatzentscheidungen, die haben mit Wissenschaft nichts zu tun" —
Wortprotokoll BPK Januar 2021:
reitschuster.de
- Tagesschau blendet Reitschuster-Frage ab — Mitschnitt mit Zeitmarke 11:56:
reitschuster.de
- Merkel: Pandemie „erst besiegt, wenn alle Menschen auf der Welt geimpft sind",
19.02.2021 — dokumentiert in Bundestagsdrucksache 20/4657:
dserver.bundestag.de
- Merkel im Bundestag, 25.03.2021: Ohne weltweite Impfung entstehen Mutanten —
bundestag.de
- BR-interne Empfehlung „nur Geimpfte vor Kamera", 01.12.2021 — Echtheit bestätigt
durch BR-Pressesprecher Markus Huber:
Correctiv-Auswertung mit BR-Stellungnahme
- Langemann: CSU-Fraktionschef Kreuzer findet BR-Nichtübertragung „gut",
Januar 2021 — inkl. Intendanten-Antwort:
clubderklarenworte.de
- Reitschuster-Ausschluss aus Bundespressekonferenz, Dezember 2021 / März 2022:
reitschuster.de
- Reitschuster: „Wie Boris Reitschuster auf der BPK zum Störsender wurde",
August 2024:
reitschuster.de