Rundfunkkritik · Medienskandal · ZDF

Der vergessene Böhmermann-Skandal:
Diskreditierung einer Traumatherapeutin — und wie der ZDF-Fernsehrat die Sendung stoppte

Im September 2023 griff Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale die Traumatherapeutin Michaela Huber öffentlich und namentlich an. Er nannte sie eine Gläubige einer „satanistischen Weltverschwörung". Was folgte: Staatsschutz-Ermittlungen, eine Beschwerde eines offiziellen Bundesgremiums — und die Löschung der Sendung durch das ZDF selbst. Der Fall ist erstaunlich wenig in Erinnerung geblieben.

Was geschah

Am 8. September 2023 strahlte das ZDF eine Ausgabe des Magazin Royale zum Thema „Rituelle Gewalt" aus. Böhmermann fokussierte sich dabei auf Michaela Huber, eine seit Jahrzehnten tätige Psycho- und Traumatherapeutin, die u.a. mit Überlebenden organisierter Gewalt arbeitet. Er bezeichnete sie vor Millionenpublikum als Verbreiterin einer „satanistischen Weltverschwörung".

Was dabei weitgehend unerwähnt blieb: Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), auf deren Behandlung Huber spezialisiert ist, ist eine anerkannte psychiatrische Diagnose nach ICD-10 und DSM-5. Der Begriff fiel in der gesamten Sendung laut Medienanalyse kein einziges Mal — was den Eindruck entstehen ließ, Böhmermann mache sich über die Symptome einer anerkannten Erkrankung lustig.

Belegte Recherchemethode Ein Mitarbeiter der Redaktion meldete sich unter falscher Berufsbezeichnung zu einem geschlossenen Fortbildungsseminar von Huber an — reserviert für Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologen — und unterzeichnete dabei eine elektronische Verschwiegenheitspflicht. Böhmermann räumte dies in der Sendung selbst ein. Die Huber-Akademie sprach von einem „unwiderruflichen Vertrauensbruch" und einem Vorgehen, das „erschütternd an Täterkreise" erinnere.

Die Chronologie des Skandals

8. September 2023
Ausstrahlung der Sendung. Böhmermann gibt in der Sendung selbst bekannt, dass er angezeigt wurde.
8./9. September 2023
Polizei Köln und Staatsschutz leiten Ermittlungsverfahren ein — ausgelöst durch einen anonymen Hinweis sowie eine Strafanzeige der Anwälte Hubers. Hintergrund u.a.: Huber arbeitet mit Personen in Zeugenschutzprogrammen.
Herbst 2023
Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) — ein offizielles Beratungsgremium der Bundesregierung — legt beim ZDF-Fernsehrat Programmbeschwerde ein. Vorwurf: Die Sendung werte Betroffene sexueller Gewalt ab und habe eine „verhetzende Wirkung".
Dezember 2023
Der ZDF-Fernsehrat stimmt den Beschwerden zu. Das ZDF entfernt die Sendung aus Mediathek und YouTube. Die Redaktion nennt dies einen Eingriff in redaktionelle Freiheit.

Das gelöschte Ministeriumsvideo

Wenig diskutiert, aber dokumentiert: Böhmermann gab in der Sendung selbst an, ein Schreiben seiner Redaktion ans Bundesfamilienministerium habe zur Entfernung eines 2019 vom Ministerium finanzierten Aufklärungsvideos der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. und ECPAT Deutschland e.V. geführt. Auch dieses Video wurde daraufhin depubliziert.

Was der Fall über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sagt

Der Fall Böhmermann/Huber ist in mehrfacher Hinsicht ein Lehrstück: Ein Satiriker mit Millionenreichweite und Staatsfinanzierung kann eine Privatperson öffentlich namentlich angreifen, ihre berufliche Reputation beschädigen — und erhält dafür zunächst keinerlei interne Gegenwehr. Erst ein offizielles Bundesgremium und formelle Beschwerden erzwingen eine Reaktion des Senders.

Die Redaktion ihrerseits rahmt die Löschung als Angriff auf Pressefreiheit — ohne den Kern der Beschwerde zu adressieren: dass Betroffene schwerer traumatischer Gewalt in einer Satire-Sendung als Gläubige von Märchen dargestellt wurden, ohne dass ihre psychiatrische Diagnose auch nur einmal Erwähnung fand.

Weiterführend

Milena Preradovic (Punkt.PRERADOVIC) sprach im Februar 2026 ausführlich mit Michaela Huber: „System Epstein auch in Deutschland" — ein Interview, das den Kontext ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit Überlebenden darstellt und als Gegenstück zur Böhmermann-Darstellung gelesen werden kann.

Tags: Böhmermann ZDF Rundfunkkritik Medienskandal Michaela Huber Rituelle Gewalt Depublizierung Pressefreiheit UBSKM Traumatherapie ZDF Magazin Royale Öffentlich-rechtlich