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Bundestag · Impfstoffsicherheit 18. Juni 2026

Der pensionierte Störenfried

Ein ehemaliger Pfizer-Toxikologe schätzt vor der Enquete-Kommission des Bundestages 20.000 bis 60.000 impfassoziierte Todesfälle in Deutschland. Seine Methodik: das PEI selbst. Die Reaktion: sein Name, nicht sein Argument.

Datum
19. März 2026
Enquete-Kommission, Bundestag
Drucksache
21(27)30
Stellungnahme Sterz, öffentlich
Schätzspanne
20.000–60.000
mögliche Todesfälle, Deutschland

Was er sagte

Es gibt Momente, in denen eine einzige Zahl eine ganze Erzählung ins Wanken bringt. Der 19. März 2026 war so ein Moment.

Vor der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages saß an diesem Tag ein Mann, der nicht zum ersten Mal sprach, was er wusste. Dr. Helmut Sterz: Tiermediziner, Doktortitel in Virologie, jahrelang Leiter der Toxikologie bei Pfizer Europa — also bei jenem Unternehmen, dessen mRNA-Produkt er nun kritisch beurteilte. Er ist seit 2007 im Ruhestand. Er hat nichts zu gewinnen.

Sterz ging von einer bekannten Grundlage aus: dem Melderegister des Paul-Ehrlich-Instituts. Dort sind rund 2.000 Todesverdachtsfälle nach Comirnaty-Impfung dokumentiert. Das PEI selbst hatte bereits 2007 festgestellt, dass Spontanmeldesysteme strukturell unter Untererfassung leiden — damals bezifferte es den Meldeanteil auf fünf bis zehn Prozent der tatsächlichen schweren Nebenwirkungen.

Sterz wandte einen Korrekturfaktor von 30 an — konservativ, wie er betonte, da internationale Literatur Faktoren zwischen 10 und 100 für plausibel hält. Das Ergebnis: zwischen 20.000 und 60.000 mögliche Todesfälle im Zusammenhang mit der Impfung allein in Deutschland.

„Das PEI hat selbst dokumentiert, dass nur ein Bruchteil der Nebenwirkungen gemeldet wird. Ein Korrekturfaktor ist methodisch geboten. Zehn bis hundert ist die Bandbreite — ich nehme dreißig als konservativen Schätzwert." Dr. Helmut Sterz — Bundestagsdrucksache 21(27)30, Enquete-Kommission, 19. März 2026

Kein Gerichtsurteil. Keine Anschuldigung. Eine Schätzung mit transparenter Methodik — vorgetragen vor dem Parlament, dokumentiert in der Bundestagsdrucksache.

Was danach geschah

Die Reaktion lässt sich am besten durch eine Gegenüberstellung verstehen.

Primärquelle

Was Sterz sagte

Das PEI hat selbst dokumentiert, dass nur ein Bruchteil der Nebenwirkungen gemeldet wird. Der Underreporting-Faktor ist eine anerkannte Limitation von Spontanmeldesystemen — beschrieben vom PEI, diskutiert in der Fachliteratur seit Jahrzehnten, berücksichtigt von der FDA.

Bundestagsdrucksache 21(27)30 · März 2026
ARD Tagesschau Faktenfinder · April 2026

Wie es gerahmt wurde

„Einen wissenschaftlichen Nachweis für diesen sogenannten Underreporting-Faktor legte er nicht vor." Als Gegenposition: eine Versorgungsforscherin, die einen pauschalen Faktor 30 für Todesfälle als nicht standardgemäß bezeichnete.

ARD-Tagesschau Faktenfinder · April 2026
Methodische Einordnung

Die Formulierung des Faktenfinders ist handwerklich präzise — und inhaltlich verzerrt. Der Underreporting-Faktor ist keine Erfindung von Sterz. Er ist eine bekannte Limitation von Spontanmeldesystemen, die das PEI selbst beschrieben hat und die die FDA in ihrer Pharmakovigilanz explizit berücksichtigt.

Die legitime Frage wäre gewesen: Ist der Faktor 30 für Todesfälle angemessen? Zu hoch? Zu niedrig? Das ist eine wissenschaftliche Debatte. Stattdessen wurde suggeriert, das Konzept selbst sei ohne Grundlage — obwohl seine Grundlage im Eigenzeugnis derselben Behörde liegt, die für die Überwachung zuständig war.

Was das PEI selbst festgestellt hatte

Behörde · 2007

PEI über eigene Meldesysteme

„Nur etwa sechs Prozent aller UAW und fünf bis zehn Prozent der schweren UAW" werden in Spontanmeldesystemen erfasst. Strukturelle Untererfassung ist eine bekannte und dokumentierte Eigenschaft dieser Systeme.

Paul-Ehrlich-Institut, Stellungnahme zu Spontanmeldesystemen · 2007
ARD Faktenfinder · 2026

Was unerwähnt blieb

Die eigene PEI-Dokumentation zur Untererfassung wurde im Faktenfinder-Artikel nicht erwähnt. Ebenso nicht: die Aussage der früheren PEI-Abteilungsleiterin Keller-Stanislawski, die 2023 unter Eid beschrieben hatte, warum die Erfassung 2021/22 strukturell unmöglich war.

Auslassung — nicht im Faktenfinder-Artikel

Was Pfizer 2022 bekannt war — und wann es öffentlich wurde

Die Frage nach der Sicherheitsprüfung ist nicht neu. Bereits 2022 lagen durch einen US-Gerichtsbeschluss Teile der internen Pfizer-Daten vor, die die FDA eigentlich für 75 Jahre unter Verschluss halten wollte. Der texanische Bundesrichter Mark Pittman hatte entschieden, dass die Behörde die Daten binnen acht Monaten veröffentlichen muss.

Was darin stand: Die klinischen Studien hatten begrenzte toxikologische Vorarbeit. Tierstudien wurden auf das für eine Notfallzulassung erlaubte Minimum reduziert. Sterz sagte vor der Kommission, was die Dokumente zeigen: Zehn Toxizitätsstudien, die für eine vollständige Sicherheitsbewertung erforderlich wären, wurden nie durchgeführt. Keine davon wurde nachgereicht.

Januar 2022
US-Richter Pittman ordnet Veröffentlichung der Pfizer-FDA-Daten binnen 8 Monaten an — gegen den Willen der FDA, die 75 Jahre beantragt hatte.
Oktober 2022
Freigegebene Dokumente werden für die deutschsprachige Öffentlichkeit analysiert. Primärquelle: phmpt.org.
1. September 2023
Dr. Brigitte Keller-Stanislawski, frühere Leiterin der Impfstoffsicherheit am PEI, sagt vor dem Brandenburger Corona-Untersuchungsausschuss unter Eid aus: Zu Spitzenzeiten 5.000 Meldungen pro Tag. IT-Infrastruktur nicht ausgelegt. Mitarbeiter wurden nach Falltyp aufgeteilt. 700.000 SafeVac-Datensätze bis Oktober 2023 nicht ausgewertet.
19. März 2026
Dr. Helmut Sterz trägt vor der Enquete-Kommission des Bundestages vor: fehlende Toxizitätsstudien, strukturelles Underreporting, geschätzte 20.000–60.000 Todesfälle. Methodik: Gemeldete Fälle × Underreporting-Faktor auf Basis eigener PEI-Daten.
April 2026
ARD-Faktenfinder bezeichnet die Schätzung als ohne wissenschaftlichen Nachweis — ohne die PEI-Dokumentation zur Untererfassung oder die Aussage von Keller-Stanislawski zu erwähnen.

Über Schubladen und Argumente

Es gibt eine verbreitete Reaktionsstrategie auf unbequeme Aussagen: nicht das Argument entkräften, sondern den Sprecher klassifizieren. AfD-Experte. Pensioniert. Impfkritiker. Jede dieser Klassifikationen kann sachlich zutreffen — und trotzdem nichts über die Richtigkeit oder Falschheit der inhaltlichen Behauptung sagen.

Sterz wurde von der AfD-Fraktion geladen. Das ist eine politische Tatsache. Seine Karriere bei Pfizer, sein Doktortitel, seine jahrzehntelange Tätigkeit als Toxikologe — das sind ebenfalls Tatsachen. Welche davon für die Beurteilung seiner Aussagen relevant ist, sollte der Leser entscheiden dürfen.

Befund

Das PEI attestierte 2007 sich selbst eine strukturelle Untererfassung. Die frühere Abteilungsleiterin beschrieb 2023 unter Eid, warum die Erfassung 2021 und 2022 strukturell unmöglich war. 2026 wurde ein Experte diskreditiert, der genau diese Untererfassung in seine Schätzung einrechnete — auf Basis von PEI-Daten.

Der „fehlende Nachweis" für das Underreporting liegt nicht in der Literatur. Er liegt im Ausschussprotokoll des Brandenburger Landtags und in der eigenen Dokumentation des Paul-Ehrlich-Instituts.

Was das bedeutet

Die Enquete-Kommission tagt. Dokumente werden publik. Experten reden öffentlich, Protokolle sind online. Das System der parlamentarischen Kontrolle funktioniert — wenn auch langsam und mit Widerstand.

Wer diese Primärquellen kennt, ist nicht auf Interpretation angewiesen. Die Stellungnahme von Sterz ist als Bundestagsdrucksache abrufbar. Das Protokoll der Keller-Stanislawski-Aussage ist beim Brandenburger Landtag zugänglich. Die Pfizer-Originaldokumente liegen bei phmpt.org.

Analytische Einschätzung

Diese Seite behauptet nicht, dass die Zahl der Impftoten bei 60.000 liegt. Das weiß niemand — und das ist genau das Problem. Was dokumentiert ist: Die offiziellen Zahlen zu Impfnebenwirkungen sind strukturell unvollständig, nicht durch Bösartigkeit, sondern durch dokumentierten Kapazitätsmangel. Das ist eine Aussage, die durch das Eigenzeugnis der zuständigen Behörde belegt ist.

Ein Mediensystem, das diesen Befund mit Klassifizierungsstrategien statt mit Sachargumenten beantwortet, macht deutlich, was Medienkritik meint: nicht die Frage, ob Journalisten lügen, sondern die Frage, was sie weglassen.

Enquete-Kommission PEI Pharmakovigilanz Faktenfinder Primärquellen Medienkritik
Primärquellen & Belege
Primär Stellungnahme Dr. Helmut Sterz, Enquete-Kommission, 19.3.2026 — bundestag.de (Drucksache 21(27)30)
Primär Sitzungsprotokoll Bundestag, Enquete-Kommission KW12 — bundestag.de
Primär Einladung zur 7. Sitzung des Untersuchungsausschusses 7/3, Landtag Brandenburg, 1.9.2023 — landtag.brandenburg.de
Primär Pfizer/FDA-Originaldokumente (US-Gerichtsanordnung Richter Pittman) — phmpt.org
Behörde PEI: Eigene Stellungnahme zur Untererfassung in Spontanmeldesystemen, 2007 — pei.de
Mainstream ARD-Tagesschau Faktenfinder zu Sterz, April 2026 — tagesschau.de (zur Einordnung)
Alle Angaben basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen und Primärdokumenten. Die Einschätzungen geben die analytische Position von Rundfunkkritik.de wieder. Diese Seite ist kein medizinischer Rat. Wer gesundheitliche Fragen hat, wendet sich an einen Arzt.