Immer dieselben Gäste, immer dasselbe Bild: Der ÖRR und die Ukraine-Berichterstattung

Was zwei unabhängige Studien über Talkshow-Auswahl und Nachrichtenframing zum Ukraine-Krieg tatsächlich belegen – und was regelmäßig unter den Tisch fällt.

Dass in deutschen Polit-Talkshows seit 2022 auffällig oft dieselben Gesichter zur Ukraine sitzen, ist keine gefühlte Wahrnehmung, sondern durch eine akademische Inhaltsanalyse belegt. Weniger diskutiert wird ein zweiter, mindestens ebenso relevanter Befund: Wie über den Krieg selbst berichtet wird – welche Perspektiven vorkommen und welche praktisch nie.

Teil 1: Wer sitzt am Tisch?

Die Forschungsstelle Osteuropa hat für die "Ukraine-Analysen" (Länder-Analysen, 2023) alle Talkshow-Auftritte zum Ukraine-Thema von 2013 bis 2023 ausgewertet. Das Ergebnis zeigt eine fast vollständige Auswechslung der Gästeliste nach dem 24. Februar 2022:

Vor dem Großangriff (bis Februar 2022)

Die meisteingeladenen Gäste zum Russland-Ukraine-Thema: der Lobbyist Alexander Rahr, der Büroleiter der russischen Staatsagentur Ria Nowosti in Deutschland, Ex-Generalinspekteur Harald Kujat – überwiegend Stimmen mit russlandfreundlicher Grundhaltung.

Nach dem Großangriff (ab Februar 2022)

Die Rangliste wird angeführt von Norbert Röttgen (CDU), Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Roderich Kiesewetter (CDU), Carlo Masala (Universität der Bundeswehr München) und Claudia Major (Stiftung Wissenschaft und Politik). Auffällig: Major und Masala waren vor 2022 in den untersuchten Sendungen praktisch unbekannt.

Eine unabhängige Studie der Denkfabrik "Das Progressive Zentrum" (2020, ausgewertet wurden 1.208 Sendungen über drei Jahre, unabhängig vom Ukraine-Thema) liefert die strukturelle Erklärung dafür: Redaktionen bevorzugen etablierte, bewährte Gäste, weil neue Gesichter ein "Risiko" für Zuspitzung und Quote darstellen. Zwei von drei Talkgästen kommen aus Politik und Medien, 70 Prozent sind Bundespolitiker. Gewerkschaften, Sozialverbände und NGOs kommen kaum vor – obwohl sie laut der Studie in der Bevölkerung mehr Vertrauen genießen.

Teil 2: Wie wird berichtet – nicht nur, wer redet?

Die Gästeliste ist nur die halbe Geschichte. Eine 2025 im European Journalism Observatory veröffentlichte Studie hat systematisch untersucht, wie "konfliktsensibel" ARD und ZDF tatsächlich über den Ukraine-Krieg berichten. Die zentralen Befunde:

Was fehlt

Russland und die Ukraine sind in der Berichterstattung selbst annähernd gleich stark vertreten – aber westliche Sichtweisen dominieren insgesamt. Perspektiven aus dem Globalen Süden oder von russischen Verbündeten kommen praktisch nicht vor. Friedensinitiativen und zivilgesellschaftliche Bemühungen sind massiv unterrepräsentiert gegenüber militärischen und politischen Maßnahmen wie Waffenlieferungen oder Sanktionen, die klar im Vordergrund stehen.

Das deckt sich mit einer früheren Untersuchung des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV), die rund 4.300 Beiträge aus den ersten drei Kriegsmonaten 2022 in FAZ, Süddeutscher Zeitung, Bild, Spiegel, Zeit, Tagesschau, Heute und RTL Aktuell auswertete – mit Fokus auf die Frage, wie stark sich die Berichterstattung an Regierungspositionen orientierte und wie konfliktlösende Maßnahmen (Diplomatie, Verhandlungen) dargestellt wurden.

Dass diese Schieflage nicht neu ist, zeigt ein Blick zurück: Bereits 2014, während der ersten Ukraine-Krise (Maidan, Krim-Annexion), kritisierte der ARD-Programmbeirat die eigene Berichterstattung intern als "fragmentarisch", "tendenziös", "mangelhaft" und "einseitig". Auch der NDR-Rundfunkrat beschäftigte sich damals mit der Kritik. WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn wies die Vorwürfe zurück, man berichte mit "professioneller Distanz, auch proukrainischen Kräften gegenüber". Das Muster – Kritik von innen, Zurückweisung durch die Sender – wiederholt sich seit über zehn Jahren.

Fairnessbox

Eine differenzierte Einordnung gehört zwingend dazu:

Fazit

Zwei Dinge sind gleichzeitig wahr und werden selten zusammen genannt: Die Auswahl der immer gleichen Talkshow-Gäste nach 2022 ist akademisch belegt und lässt sich strukturell erklären – über Format-Risikoscheu, nicht über eine zentrale Anweisung. Und: Die inhaltliche Berichterstattung selbst blendet Friedensinitiativen, zivilgesellschaftliche Perspektiven und Stimmen aus dem Globalen Süden systematisch aus, obwohl sie laut Konfliktforschung zu einer vollständigeren Einordnung gehören würden. Beides zusammen ergibt kein Bild bewusster Propaganda, aber ein Bild einer strukturell verengten Debatte – und genau diese Verengung, nicht eine unterstellte Absicht, ist der eigentlich berichtenswerte Befund, der in der öffentlichen Debatte regelmäßig untergeht.

Quellen

Dieser Artikel wurde unter Einsatz von KI-gestützter Recherche und Textentwicklung erstellt und von Manfred Seeböck redaktionell verantwortet, geprüft und freigegeben (gemäß Art. 50 EU-KI-VO).