10. Juli 2020 — München, Bayerischer Rundfunk

Bayern befindet sich mitten in einem lokalen Ausbruchsgeschehen. Die sogenannte „Memmingen-Kette" hält die Gesundheitsbehörden in Atem. In wenigen Minuten wird die bayerische Gesundheitsministerin in der ARD-»Rundschau« interviewt werden. Doch bevor die Kameras offiziell laufen, laufen sie bereits.

Was das Mikrofon aufzeichnet, ist kein Skandal im klassischen Sinne. Es ist etwas Ruhigeres. Und vielleicht deshalb Beunruhigenderes.

Hinter der Kamera

Die Moderatorin hat eine Bitte. Ihr sei vorab mitgeteilt worden, die Corona-Warn-App im Interview nicht anzusprechen. Doch das, sagt sie, würde sie „ehrlich gesagt total unglaubwürdig machen". Die App gehöre einfach dazu. Und es sei ja, fügt sie hinzu, „eigentlich auch in Ihrem Sinne, dass die Leute das nutzen."

Die Ministerin nickt. Das Problem, erklärt sie, sei eigentlich simpel: Sie hätten „in dem Sinne keine Zahlen". Die App sei freiwillig. Was der Bund wisse, wisse sie nicht.

Aufgezeichnet — nicht gesendet
Moderatorin
„Ich wurde gebeten, die Warn-App nicht anzusprechen. Aber das macht mich total unglaubwürdig."
Ministerin
„Wir haben in dem Sinne keine Zahlen. Die App ist freiwillig."
Moderatorin
„Man könnte sich ja irgendwie rausreden — grundsätzlich ist das eine gute Hilfe, und in diesem Fall haben, was weiß ich, die Gesundheitsämter …"
Ministerin
„Kriegen wir hin."
Moderatorin
„Klasse, wunderbar!"
Gesendet — ARD Rundschau
Moderatorin
„Wie hat denn die Nachverfolgung, das Tracking der Infektionsketten funktioniert? Hat da auch die Corona-Warn-App geholfen?"
Ministerin
„In meinen Augen ist es wichtig, diese Nachverfolgung … und die Warn-App hilft insgesamt natürlich, das Ausbruchsgeschehen ein Stückweit mehr zu erkennen …"
↑ Realität  /  Sendung ↓

Keine Erwähnung fehlender Daten. Keine Erwähnung fehlender Zahlen. Keine Einräumung von Unsicherheit. Das, was hinter der Kamera als Problem benannt wurde, wurde vor der Kamera zum Vorteil umgedeutet.

Was die App war — und was sie kostete

220 Mio.
Euro Steuergeld — für eine App ohne belegbare Wirkung

Herausgeber: Robert Koch-Institut. Entwickler: SAP und Deutsche Telekom, beteiligt rund 25 weitere Unternehmen. Seit 1. Juni 2023 im Ruhemodus. Eine Wirkung auf das Infektionsgeschehen ließ sich nie belegen. Das Projekt gilt heute als gescheitert.

Das wusste man — zumindest in Teilen — bereits im Sommer 2020. Genau dann, als Moderatorin und Ministerin hinter der Kamera einräumten: Die Datenlage fehlt. Und sich dann einigten, das nicht zu sagen.

Das Muster

Was dieses Video dokumentiert, ist keine Einzelpanne. Es ist eine Arbeitsweise. Sichtbar gemacht durch einen Moment, in dem das Mikrofon zu früh lief.

Das Muster — in vier Schritten
  1. Informationslücke existiert Intern bekannt: Es gibt keine belastbaren Daten zur Wirkung der App.
  2. Lücke wird intern benannt Hinter der Kamera: „Wir haben in dem Sinne keine Zahlen."
  3. Kommunikationsstrategie wird abgestimmt Gemeinsam: Man einigt sich auf eine Botschaft, die die Lücke überbrückt.
  4. Öffentlichkeit erfährt die Lücke nicht Gesendet: „Die Warn-App hilft insgesamt natürlich …"

Öffentlich-rechtliche Medien haben einen gesetzlichen Auftrag: unabhängig zu informieren, Leerstellen zu benennen, Unsicherheiten sichtbar zu machen. Was das Mikrofon an diesem Juliabend aufzeichnete, ist das Gegenteil davon.

Eine Journalistin und eine Politikerin sitzen zusammen — nicht als Kontrolle und Kontrollierte, sondern als zwei Menschen mit demselben Ziel. Dass man dafür keine Belege hatte, war das kleinere Problem. Das größere wäre gewesen, es zuzugeben.


„Die 220 Millionen Euro sind Geschichte. Die App ist Geschichte. Das Gespräch hinter den Kulissen ist jetzt Akte."

richtig-erinnern.de / rundfunkkritik.de
Primärquelle BR-Leak, aufgezeichnet am 10. Juli 2020, veröffentlicht Februar 2025. Bayerischer Rundfunk, Moderatorin Ursula Heller, bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml. Originalvideo: „Follow the Science im Bayerischen Rundfunk", YouTube, 01.02.2025.