Kälte vs. Hitze: Die verschwiegene Mortalitätsstatistik

Rundfunkkritik.de · Fall-Dokumentation

Wissenschaftliche Studien und eine Antwort der Bundesregierung belegen: Kälte ist für ein Vielfaches mehr Todesfälle verantwortlich als Hitze. Während Hitzetote regelmäßig durch RKI-Schätzungen und ÖRR-Berichterstattung öffentlich gemacht werden, existiert für Kältetote weder eine systematische amtliche Erfassung noch eine vergleichbare mediale Präsenz.

Dokumentierte Fakten

Die bislang größte Studie zum Zusammenhang zwischen Temperatur und Sterblichkeit (Gasparrini et al., The Lancet, 2015) wertete 74 Millionen Todesfälle in 13 Ländern über den Zeitraum 1985–2012 aus. Ergebnis: Kälte war für 7,29 Prozent aller Todesfälle verantwortlich, Hitze für 0,42 Prozent – ein Verhältnis von etwa 20 zu 1.

Eine globale Folgestudie (43 Länder, Zeitraum 2000–2019, veröffentlicht in The Lancet Planetary Health) bestätigte den Befund: Kälte ist demnach um den Faktor 10 gefährlicher als Hitze. Jährlich sterben weltweit rund 5 Millionen Menschen an temperaturbedingten Ursachen, der weit überwiegende Teil an Kälte.

Primärquelle – Bundestagsdrucksache: Auf eine parlamentarische Anfrage antwortete die Bundesregierung wörtlich: „Kälte ist bezüglich der auf Extremtemperaturen zurückzuführenden Todesfälle 10-mal gefährlicher als Hitze." Zugleich erklärte sie: „Analysen zu kältebedingten Sterbefällen liegen der Bundesregierung nicht vor." Quelle: Deutscher Bundestag, Drucksache 20/8063, Antwort der Bundesregierung (Fragen 3–4)
KategorieAnteil / VerhältnisQuelle
Kältebedingte Todesfälle (global)7,29 % aller TodesfälleLancet 2015
Hitzebedingte Todesfälle (global)0,42 % aller TodesfälleLancet 2015
Verhältnis Kälte : Hitze (Mortalität)ca. 10:1 bis 20:1Lancet 2015 / Lancet Planetary Health 2021
Systematische RKI-Erfassung Hitzetotevorhanden (laufende Schätzungen)RKI / ZDFheute
Systematische Bundeserfassung Kältetotenicht vorhandenBundestagsdrucksache 20/8063

Erfasste Kältetote in Deutschland (Teilbereich Obdachlosigkeit)

Eine bundesweite amtliche Gesamtstatistik zu kältebedingten Todesfällen existiert nicht. Für den Teilbereich obdachloser Menschen erfasst die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) Fälle auf Basis von Medienauswertung – nach eigener Angabe eine Mindestzahl:

WinterErfasste Kältetote (Obdachlose)
2024/2025mindestens 7
2023/2024 & 2022/2023je 6 (laut BAGW-Reihe)
Quelle: BAG Wohnungslosenhilfe, zitiert nach Statista, Stand Mai 2025

Wissenschaftlich dokumentierter Kontext: Angstkommunikation

Unabhängig von der Frage, welches Medium wie über welche Temperaturextreme berichtet, ist die Wirkung angstbetonter Gesundheitskommunikation eigenständig erforscht. Eine im Rahmen der Risikokommunikationsforschung während der Corona-Pandemie durchgeführte Studie (Monitor Versorgungsforschung, Befragung psychisch vorerkrankter Menschen, drei Erhebungswellen 2020–2021) kommt zu dem Ergebnis, dass Unzufriedenheit mit verfügbaren Informationen mit höheren Stress-, Angst- und Depressionswerten korreliert und Objektivität der Berichterstattung als zentraler Faktor benannt wird.

Kommunikationswissenschaftliche Forschung zur allgemeinen „Angstkommunikation" in Massenmedien (u. a. Altheide 1997/2006) beschreibt zudem ein sogenanntes „Problem Frame": Medien griffen zunehmend Themen wie Kriminalität, Krankheit, Umweltkatastrophen und Terror unter dem Aspekt der Bedrohung auf – mit dem in der Forschung diskutierten Risiko, dass öffentlicher Diskurs „in eine Panik verfällt, so dass die Angst lähmend wird". Quelle: Universität Münster, Institut für Kommunikationswissenschaft, Forschungsprojekt „Das Verhältnis von Angst und Medienberichterstattung"

Diese Forschungslage stellt keinen Bewertungsmaßstab für einzelne ÖRR-Beiträge dar, sondern dokumentiert den wissenschaftlichen Diskussionsstand zur Wirkung angstbasierter Kommunikationsformen als eigenständigen Fakt.

Named-Source: Unbestätigte Kritik (Kategorie 3)

Der SWR-Beitrag mit dem Titel „Nach Hitzewelle: Bestatter sind im Dauereinsatz" wurde von der Meinungsseite ansage.org als Beispiel für ein aus deren Sicht unausgewogenes Framing kritisiert, das Kältetote im Vergleich medial nicht in ähnlicher Form aufgreife. Diese Einordnung stammt von einer einzelnen, klar erkennbaren Meinungsquelle und ist als solche nicht unabhängig verifiziert; der SWR-Beitrag selbst konnte im Rahmen dieser Recherche nicht im Volltext eingesehen werden.

Quellenlage im Überblick

Weiterführende Analysen