Medienaufsicht · KIVI · Bestätigt: WELT-Recherche

KIVI: Landesmedienanstalten kooperieren laut WELT-Recherche mit dem Verfassungsschutz

Dokumentiert von Rundfunkkritik.de · Juli 2026

Alle 14 deutschen Landesmedienanstalten setzen seit 2022 das KI-Tool „KIVI" ein, um Inhalte im Netz automatisiert zu erfassen und zu kategorisieren. Eine Recherche der „Welt" (29.06.2026) hat erstmals unabhängig bestätigt, was zuvor nur der betroffene Publizist Alexander Wallasch behauptet hatte: Mehrere Bundesländer räumen einen Datenaustausch mit dem Verfassungsschutz ein. Drei Quellenebenen sind hier auseinanderzuhalten – ein internes Benutzerhandbuch der LFM NRW, die WELT-Recherche und Wallaschs eigene, weitergehende Behauptungen.

Was belegt ist: Das Benutzerhandbuch

Rundfunkkritik.de liegt das interne „Benutzerhandbuch Buchversion" zu KIVI vor (Stand: 3. November 2022, LFM NRW). Es handelt sich um eine technische Anleitung für Mitarbeiter:innen der Medienanstalt, keine Presseerklärung. Daraus lässt sich Folgendes belegen:

OberkategorieKategorien / Unterkategorien
HaßredeGewalt/Menschenwürde · Politischer Extremismus (Volksverhetzung, Holocaustverleugnung, Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen)
JugendschutzPornografie · Offensichtlich schwere Jugendgefährdung · Entwicklungsbeeinträchtigung
WerbungKennzeichnung · Jugendschutz-Werbung

Bearbeitet werden erfasste Fälle als „Vorgänge" durch ein Monitoringteam und anschließend als „Aufsichtsprozesse" mit eigenem Aktenzeichen durch Sachbearbeiter:innen. Vorgesehen sind formale Verwaltungsschritte wie Anhörungen, Ordnungswidrigkeitenverfahren (OWiV) und die Vorlage an die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) bzw. die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK).

Wichtige Einschränkung: Das Handbuch selbst enthält keine Angaben darüber, woher die ursprünglichen Hinweise stammen (automatisierte Suche, externe Meldestellen, Bürgerhinweise), und keinerlei Aussage zu einer Datenweitergabe an Verfassungsschutzbehörden. Diese Fragen sind mit dem vorliegenden Dokument allein nicht zu beantworten.

Was die WELT-Recherche bestätigt

Die „Welt" berichtete am 29.06.2026 unter Berufung auf einen Informanten sowie auf Anfragen bei den Landesinnenministerien über die Praxis der Landesmedienanstalten. Der Originalartikel liegt hinter einer Paywall; die folgenden Angaben stützen sich auf die mit ihm übereinstimmende Sekundärberichterstattung von Apollo News, Tichys Einblick und Weltexpress, die den WELT-Inhalt jeweils unabhängig referieren.

Einschränkung: Die WELT bestätigt einen Informationsaustausch mit dem Verfassungsschutz in mehreren, namentlich genannten Bundesländern – nicht bundesweit und nicht als durchgängige, einheitliche Praxis. Nach welchen Kriterien KIVI Inhalte auswählt, welche Plattformen oder Nutzergruppen besonders im Fokus stehen, bleibt laut WELT weiterhin unbeantwortet.

Was zusätzlich behauptet wird: Die Position von Alexander Wallasch

Transparenzhinweis: Alexander Wallasch berichtet über KIVI auch als Betroffener – er sieht sich selbst als Gegenstand der „Prüfgruppe Wallasch", die nach seiner eigenen, mit Aktenzeichen und Daten dokumentierten Chronologie inzwischen aus fünf Landesmedienanstalten besteht (Niedersächsische Landesmedienanstalt NLM, Medienanstalt Berlin-Brandenburg mabb, Bayerische Landeszentrale für neue Medien BLM, Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein, Medienanstalt Hessen). Laut dieser Chronologie erging am 21.10.2025 ein Bescheid der NLM mit 2.500 Euro Gebühr und Zwangsgeldandrohung; Wallasch hat dagegen Klage beim Verwaltungsgericht Braunschweig erhoben, vertreten durch RA Dirk Schmitz. Diese Verfahrensdaten stammen ausschließlich aus Wallaschs eigener Veröffentlichung und sind unabhängig nicht geprüft. Seine Darstellung insgesamt bleibt eine Beteiligtenperspektive, keine neutrale Drittquelle.

Wallasch veröffentlichte bereits im Februar 2025 – rund 16 Monate vor der WELT-Recherche – ein eigenes, von ihm beauftragtes IT-Dossier zu KIVI und bezeichnete das Tool als „Staatstrojaner". Einzelne seiner damaligen Kernbehauptungen deckt die WELT-Recherche nun in der Tendenz: Datenaustausch mit Sicherheitsbehörden findet statt. Nicht unabhängig bestätigt sind hingegen seine weitergehenden Angaben, etwa dass der bayerische Verfassungsschutz ihn persönlich wegen angeblicher „russischer Narrative" kontaktiert habe, dass die Entwicklung in Kooperation mit einer Firma „Condat AG" erfolgt sei, oder seine Einordnung der Landesmedienanstalten als Instrument eines „deep state". Diese Punkte stammen ausschließlich aus Wallaschs eigenen Veröffentlichungen.

Konkret und unabhängig nachvollziehbar ist die von Wallasch angestoßene Aktion: eine Musterformulierung für ein Auskunftsersuchen nach Art. 15 DSGVO, mit dem Bürger von ihrer Landesmedienanstalt Auskunft verlangen können, ob und welche personenbezogenen Daten über sie im Rahmen von KIVI verarbeitet und ob diese an Dritte – namentlich den Verfassungsschutz – weitergegeben wurden.

Einordnung

Drei Ebenen sind auseinanderzuhalten. Erstens: Existenz, Funktionsweise und Kategorisierungslogik von KIVI sind durch das interne Handbuch der LFM NRW dokumentiert und unstrittig. Zweitens: Ein Datenaustausch mit Verfassungsschutzbehörden ist durch die WELT-Recherche für mehrere namentlich genannte Bundesländer unabhängig bestätigt, für andere hingegen ausdrücklich verneint oder offen. Drittens: Wallaschs weitergehende Zuspitzungen – insbesondere zur Motivlage und zu einzelnen Akteuren – bleiben seine eigene, bislang unbestätigte Darstellung. Der Fall Ben Berndt zeigt laut WELT-Berichterstattung, dass die grundsätzliche Kritik an mangelnder Transparenz kein Einzelfall-Phänomen ist.

Quellen:
KIVI Benutzerhandbuch (Buchversion), LFM NRW, Stand 03.11.2022 – internes Dokument, Rundfunkkritik.de vorliegend
Die Welt, 29.06.2026 (Paywall) – referiert nach: Apollo News, 30.06.2026, „Landesmedienanstalten durchsuchen Internet mit KI-Tool und leiten Ergebnisse an den Verfassungsschutz weiter"; Tichys Einblick, 30.06.2026, „KI-Vigilare: Landesmedienanstalten als Handlanger des Geheimdienstes"; Weltexpress, 01.07.2026, „Wenn die Landesmedienanstalten zu Überwachungsmaschinen werden"
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