FORMATANALYSE

Ein Abend, zwei Erzählungen: Vom Studio in die Redaktion

Fall dokumentiert · Sendung vom 2. Juli 2026, ZDF „Markus Lanz"

Am 2. Juli 2026 ist Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, zu Gast bei „Markus Lanz" im ZDF. Neben ihm sitzen die Journalistin Ursula Weidenfeld und der FAZ-Journalist Justus Bender. Was in den rund 60 Minuten an Gesprächstechnik zum Einsatz kommt, lässt sich unabhängig von der Bewertung des Ergebnisses beschreiben – und es lässt sich vergleichen mit dem, was am selben Sender bei Gästen anderer Parteien zu beobachten war.

Die Technik im Studio

Lanz eröffnet mit einer Anekdote aus Siegmunds Vergangenheit als Verkäufer „gender-sensitiver Düfte" – eine Einordnung, die den Gast vor der ersten inhaltlichen Frage bereits mit einem Lacher versieht. Im weiteren Verlauf stellt Lanz die Frage, welches Ministerium die AfD in Sachsen-Anhalt streichen wolle, nach Angaben der Berliner Zeitung insgesamt sechsmal, ohne dass Siegmund eine konkrete Antwort gibt. An anderer Stelle präsentiert Lanz eine Grafik zum Arbeitsweg von Siegmunds Vater, benennt die Quelle auf Nachfrage zunächst nicht („Quellenschutz") und verweist erst auf weiteres Nachhaken an Bender, der von Zuspielung „aus der Partei" spricht, ohne die Quelle namentlich zu machen.

Quellen: ZDF-Mediathek (Primärquelle), Berliner Zeitung, news.de

Dieselbe Technik bei anderen Parteien

Die Kombination aus Wissensabfrage und Wiederholung ist im Format nicht neu und nicht auf einen Gast beschränkt. Laut Themenübersicht des Tagesspiegel zur Sendung „Markus Lanz" konnte eine Grünen-Fraktionschefin an einem Sendeabend weder die Höhe der Sozialausgaben noch die des Bundeshaushalts benennen – das Ergebnis wurde in der Berichterstattung mit einem knappen „Autsch" kommentiert. Bei einem SPD-Generalsekretär lief eine vergleichbare Sequenz mit der Frage nach dem Bruttoinlandsprodukt. Die Gesprächsführung selbst – Zuspitzung durch Wiederholung, Prüfung von Detailwissen, ein zweiter fachkundiger Gast am Tisch, der nachlegt – ist damit ein wiederkehrendes Formatelement, keine Ausnahme für einen einzelnen Gast.

Quelle: Tagesspiegel, Themenseite „Markus Lanz"

Die Fortsetzung in der Berichterstattung

Im Anschluss an die Sendung übernehmen mehrere Medien die im Studio gesetzte Rahmung nahezu unverändert. Focus beschreibt, wie Lanz den Gast „genüsslich" mit der Dufthändler-Anekdote vorstellt und den Auftritt insgesamt als erledigt einordnet – „60 Minuten... haben ausgereicht", um das Programm zu entlarwen, so die dortige Formulierung. news.de wählt die Überschrift, wonach der Moderator den Politiker „zurechtstutzt". In beiden Fällen wird die Bewertung des Auftritts nicht als offene Frage behandelt, sondern als bereits im Studio entschiedenes Ergebnis übernommen.

Quellen: Focus (via MSN-Spiegelung), news.de

Eine zweite, parallele Erzählung

Parallel dazu beschreiben andere Portale – Tichys Einblick, Deutschland-Kurier, der Blog von Alexander Wallasch – dieselben 60 Minuten als Auftritt, bei dem der Gast „souverän" und „gelassen" geblieben sei, während Moderator und Journalisten-Gast an ihm „die Zähne ausbeißen". Auch hier wird die Bewertung nicht als eigene Analyse hergeleitet, sondern als feststehendes Ergebnis präsentiert – nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

Quellen: Tichys Einblick, Deutschland-Kurier, alexander-wallasch.de

Aus einer einzigen Sendung entstehen auf diese Weise zwei Erzählungen, die sich in der Bewertung diametral widersprechen, in der Struktur ihrer Entstehung aber auffällig ähnlich sind: In beiden Fällen wird die im Studio – beziehungsweise beim jeweiligen Sender – gesetzte Deutung von nachgelagerten Medien übernommen, nicht unabhängig geprüft.

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