Der öffentlich-rechtliche Rundfunk versteht sich als Hüter der Pressefreiheit. Hayali wird bedroht — Brennpunkt. Ein Journalist erhält Hassmails — Reportage. Das ist legitim. Pressefreiheit ist unteilbar.
Aber sie ist es nur auf dem Papier, wenn derselbe Rundfunk schweigt, sobald die Bedrohung von links kommt — und die Betroffenen Medien sind, die den ÖRR kritisieren. Vier Fälle zeigen, wie systematisch dieses Schweigen ist.
Am 1. Mai 2020 dreht ein heute-show-Team in Berlin bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen. Auf dem Rückweg werden sie in einer Seitenstraße nahe dem Alexanderplatz von bis zu 25 vermummten, schwarz gekleideten Angreifern überfallen — mit Tritten und Metallstangen. Ein Kameramann wird bis zur Bewusstlosigkeit getreten. Sechs Teammitglieder müssen ins Krankenhaus.
Die Polizei übergibt den Fall sofort dem Staatsschutz. Die Ermittlungen ergeben: Die Täter kommen aus der linken Szene. Festgenommene Verdächtige werden als linke Gewalttäter eingestuft — und kurz darauf wieder freigelassen.
NDR/Zapp schrieb damals: „Ein Zusammenhang mit der Corona-Demo gilt als wahrscheinlich." Damit wurde der Verdacht auf die Demonstranten — also die Opfer-Seite — gelenkt. Fast vier Jahre später, im Januar 2024, beginnt der Prozess gegen drei Männer und eine Frau aus der linken Szene. Eine breite ÖRR-Berichterstattung über den Prozessauftakt blieb aus.
Am 7. Januar 2026 ist Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) zu Gast bei Markus Lanz im ZDF. In der letzten Viertelstunde der Sendung bejaht er auf Nachfrage von Lanz die Forderung, alternative Medien notfalls zu „regulieren, zu zensieren und im Extremfall zu verbieten". Er nennt NIUS und ähnliche Portale explizit „Feinde der Demokratie".
Im Nachhinein behauptet Günther, er habe diese Aussagen „als Privatperson" getätigt — obwohl er als geladener Ministerpräsident in der Sendung saß. Lanz deckt ihn: Er zeigt in einer Folgesendung einen stark verkürzten Ausschnitt und behauptet, Günther habe keine Zensurforderung gestellt.
Was folgt: Ein deutlicher Anstieg linksextremistischer Attacken und Drohungen gegen NIUS. Linksaktivisten markieren die NIUS-Redaktion in Berlin-Kreuzberg, fordern ihren Rauswurf aus dem Kiez. Die Polizei stuft Drohungen gegen NIUS als ernst ein. Berliner Kolumnistin Gunhild Schupelius schreibt in der Bild: „Ja, die Pressefreiheit ist in Gefahr in Berlin."
ARD und ZDF berichten darüber: nicht.
Apollo News zieht in neue Redaktionsräume in Berlin-Kreuzberg. Die örtliche Antifa organisiert daraufhin eine Fahrraddemo, die gezielt an der Redaktionsadresse vorbeiführt. Auf Flyern: Apollo News sei im Kiez unerwünscht. Parallel laufen Einschüchterungskampagnen gegen Mitarbeiter.
Linke Strukturen — von der Amadeu-Antonio-Stiftung bis zu Linkspartei-nahen Gruppen — empfinden laut Tichys Einblick „schon die bloße Existenz neu entstandener Medien außerhalb des eingespielten Apparats als ungeheure Provokation."
Die taz beschreibt die Aktion als harmlosen Austausch. ARD und ZDF berichten nicht. Das Muster: Wenn Medien außerhalb des ÖRR-Spektrums unter physischen Druck geraten, ist das keine Meldung wert.
Januar 2024: Zehntausende Bauern demonstrieren bundesweit gegen die Streichung von Agrardiesel-Subventionen. Die Bewegung ist parteipolitisch ungebunden — Bauernverbände, keine AfD-Veranstaltung. ARD und ZDF rahmen die Proteste dennoch früh als AfD-nah und potentiell rechtsextrem.
Was dann bekannt wird: Jessica Kordouni, Grünen-Politikerin und Mitglied im NDR-Rundfunkrat, äußert sich auf Social Media unzufrieden über die Tagesthemen-Berichterstattung zu den Bauernprotesten. Sie fordert eine stärkere Fokussierung auf Proteste gegen rechts statt auf die Landwirtschaftsdemonstrationen. Eine Rundfunkrätin — also ein Kontrollgremiumsmitglied — versucht, die Themenauswahl einer ARD-Sendung zu beeinflussen. In eine Richtung.
Der Fall belegt strukturell, was inhaltlich sichtbar ist: Die Auswahl, was als berichtenswert gilt, folgt einer politischen Logik — und die kommt nicht aus dem Redaktionsstatut.
Die Asymmetrie ist nicht zufällig. ARD und ZDF berichten über Bedrohungen gegen Medien — aber nur gegen bestimmte Medien. Die Schutzwürdigkeit der Pressefreiheit endet dort, wo die bedrohten Medien den ÖRR selbst kritisieren.
Pressefreiheit ist keine Parteisache. Sie gilt für NIUS genauso wie für den Tagesspiegel, für Apollo News genauso wie für die taz. Wer Pressefreiheit nur verteidigt, wenn die Bedrohung von der richtigen Seite kommt — und schweigt, wenn die Bedrohung von der falschen Seite kommt — betreibt keine Pressefreiheitsverteidigung. Er betreibt Interessenpolitik.
Ein Rundfunk, der mit 10 Milliarden Euro Pflichtbeitrag finanziert wird, hat einen Verfassungsauftrag zur Ausgewogenheit. Dieser Auftrag gilt nicht nur für die Berichterstattung über Parteien — er gilt auch für die Berichterstattung über Bedrohungen der Pressefreiheit. Selektive Empörung ist keine journalistische Kategorie.
Fazit: ARD und ZDF praktizieren eine doppelte Selektivität: Rechte Angriffe auf ihre eigenen Leute werden breit erzählt. Linke Angriffe auf Medienhäuser, die den ÖRR kritisieren, werden ignoriert oder als legitimer Protest gerahmt.
Das ZDF-Team, das 2020 von Linken angegriffen wurde, hat vier Jahre auf einen Prozess gewartet. Eine breite ÖRR-Berichterstattung darüber: blieb aus. Die Frage, die das aufwirft, ist keine politische — sie ist eine journalistische: Für wen gilt Pressefreiheit?