Das Vertrauen in den ÖRR ist nicht plötzlich eingebrochen. Es erodiert seit Jahren — messbar, dokumentiert, ignoriert. Eine repräsentative Infratest-dimap-Erhebung im Auftrag des WDR selbst (Mai 2025) zeigt das Ausmaß:
Das ist kein Randproblem. Ein Rundfunk, dem fast die Hälfte der Bevölkerung nicht vertraut, hat sein Mandat verloren — unabhängig davon, ob er rechtlich weiter zwangsfinanziert wird.
Die TU Dortmund befragte 2024 über 500 Journalistinnen und Journalisten zu ihrer Parteineigung. Ergebnis: 41% stehen den Grünen nahe, 16% der SPD, 8% der CDU. Und: 61% gaben an, die Positionen ihrer Partei in ihre Berichterstattung einfließen zu lassen — zumindest teilweise. Das ist kein Vorwurf an Einzelne. Das ist ein Strukturproblem.
„Denken und sprechen Sie nicht primär in Form von Faktenlisten und einzelnen Details. Denken und sprechen Sie zunächst immer über die moralischen Prämissen."
Die ARD ließ sich 2019 für rund 120.000 Euro Beitragsgeld eine Kommunikationsanleitung schreiben — ein Dokument, das erklärt, wie man Sprache einsetzt, um die ARD zu verteidigen, statt wie man Journalismus betreibt. Das wollte sie geheim halten. Netzpolitik.org veröffentlichte es.
Deutschland leistet sich mit rund 10 Milliarden Euro Jahresbudget das teuerste öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Welt. Nicht pro Kopf gerechnet, nicht in Relation zur Wirtschaftsleistung — schlicht in absoluten Zahlen. Auch pro Sendeminute ist der ÖRR mit über 12.000 Euro international ohne Konkurrenz.
Die Ursachen: hohe Personalkosten inklusive Pensionen, teure Sportrechte, parallele digitale Plattformen und ein „Vollanbieter"-Anspruch, der aus einer Zeit stammt, in der es drei Fernsehkanäle gab. Diese Zeit ist vorbei. Streaming, Internet und private Anbieter haben die ursprüngliche Legitimation des ÖRR — Frequenzknappheit und Informationsmonopol — vollständig aufgelöst.
Was bleibt: der verfassungsrechtlich geschützte Kernauftrag. Grundversorgung. Nicht Unterhaltung, nicht Sport, nicht Parallelstrukturen zu Netflix und YouTube. Information, Bildung, Kultur — das, was private Anbieter nicht in ausreichendem Maß liefern.
Der Vorschlag ist einfach: Ein reduzierter Pflichtbeitrag von 5 Euro monatlich finanziert einen schlanken, klar definierten Grundversorgungsauftrag. Alles darüber hinaus — Unterhaltung, Sport, Spartenkanäle — wird über freiwillige Abonnements finanziert oder entfällt.
Was würden 5 Euro finanzieren? Laut Stiftung Marktwirtschaft reicht eine fokussierte Grundversorgung mit einem starken Nachrichtenangebot, regionaler Berichterstattung, Kulturprogramm und Bildungsinhalten für deutlich weniger als die aktuellen 10 Milliarden Euro — wenn konsequent auf Doppelstrukturen, Sportrechte und massentaugliche Unterhaltung verzichtet wird.
Frankreich schaffte den Pflichtbeitrag 2022 vollständig ab und finanziert den öffentlichen Rundfunk über die Mehrwertsteuer. Deutschland muss nicht so weit gehen — aber der Grundgedanke stimmt: Wer Zwang einsetzt, muss Leistung definieren. Der aktuelle ÖRR tut das nicht.
Die Stiftung Marktwirtschaft formulierte in ihrer Anhörung vor dem Brandenburger Landtag (September 2025) acht konkrete Maßnahmen. Der aktuelle Reformstaatsvertrag setzt keine davon ernsthaft um. Hier sind sie:
Der ÖRR soll sich auf Inhalte konzentrieren, die private Anbieter nicht liefern: unabhängige Information, Bildung, regionale Vielfalt, Kultur. Unterhaltung und Sport, wo private Konkurrenz existiert, gehören nicht zum Grundauftrag.
Derzeit erlaubt der Reformentwurf 5% des Gesamtbudgets für Sportrechte — bei 8 Mrd. € sind das immer noch 400 Mio. € jährlich. Eine echte Deckelung liegt darunter. Wo private Sender Sport zeigen können, muss der ÖRR es nicht.
Werbung und Sponsoring verzerren Themenauswahl und Berichterstattung. Sie machen nur einen kleinen Teil des Budgets aus — der Preis für ihre Abschaffung ist gering. Der Gewinn an Unabhängigkeit ist groß.
BR-Intendantin Wildermuth verdient mehr als der Bundeskanzler. Das Reformpapier schreibt „Orientierung an B11" vor — lässt aber Vergleiche mit Sparkassen-Vorständen zu, die weit darüber liegen. Eine verbindliche Deckelung bei B11 ist nötig.
Im geplanten Medienrat werden vier von sechs Sachverständigen vom ÖRR selbst gewählt. Das ist Selbstkontrolle, keine Aufsicht. Die KEF oder KEK sollten die Evaluatoren bestellen — ohne Beteiligung der Anstalten.
Etwa 10% des Beitragsaufkommens sollten in einem offenen Verfahren auch an private Anbieter vergeben werden können — für Inhalte, die den Grundauftrag erfüllen. Eine unabhängige Vergabekommission entscheidet anhand definierter Kriterien.
Der geplante Automatismus — Beitrag steigt, wenn kein Widerspruch erfolgt — entkoppelt die Finanzierung von demokratischer Kontrolle. Länderparlamente müssen aktiv zustimmen. Effizienz entsteht nur unter Spardruck.
Unabhängige Expertengremien sollen regelmäßig prüfen, ob der Auftrag erfüllt wird und Mittel effizient eingesetzt werden. Weder vom ÖRR noch von der Politik bestellt. Transparenz schafft Disziplin.
Der Münchner Kommunikationswissenschaftler Prof. Michael Meyen beschreibt eine vierte Gewalt im Koma: Leitmedien haben Deutungshoheit — nutzen sie aber nicht mehr für die Demokratie, sondern für die Absicherung bestehender Machtverhältnisse. Zensur, Verleumdung, Korruption — nicht als Ausnahme, sondern als Systemzustand. Wer unabhängigen Journalismus betreiben will, braucht laut Meyen drei Dinge: Mut, Rückgrat und Verantwortungsbewusstsein. Im aktuellen ÖRR-System werden alle drei strukturell bestraft.
Die Reform des ÖRR ist keine technische Frage. Sie ist eine demokratische. Ein Rundfunk, dem die Hälfte der Bevölkerung nicht vertraut, der seine Kritiker juristisch angreift, der sich seine Sprache für 120.000 Euro kauft und der mehr verdient als die Regierung, die er kontrollieren soll — dieser Rundfunk hat ein Problem, das kein Reformstaatsvertrag löst.
Es braucht Willen. Den haben wir bisher nicht gesehen.
5 Euro für Grundversorgung. Der Rest als Markt. Unabhängige Aufsicht. Verbindliche Gehaltsgrenzen. Kein Automatismus. Das sind keine radikalen Forderungen — das sind die Mindestbedingungen für einen Rundfunk, der seinen Namen verdient.
Die Fälle, die wir dokumentiert haben, sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis eines Systems ohne Konsequenzen. Das lässt sich ändern.