Geld & Macht

Netzwerke & Nähe: Wer die Strukturen des ÖRR kontrolliert

Warum klingt ARD und ZDF oft gleich? Zwei belegbare Strukturen liefern eine Antwort: die transatlantische Vernetzung führender Medienmacher durch die Atlantik-Brücke und die hohe Parteibindung in den Rundfunkräten.

Rundfunkkritik.de  ·  Kategorie: Geld & Macht  ·  Quellen: Atlantik-Brücke Jahresberichte, OBS-Studie 2025, BGH-Urteil 2017, Media Ownership Monitor 2024

Die Atlantik-Brücke: ein Netzwerk, das sich selbst ergänzt

Die Atlantik-Brücke e.V. wurde 1952 in Hamburg gegründet. Mitglied wird man nicht durch Bewerbung, sondern durch Kooptation: Der Vorstand wählt neue Mitglieder selbst. Der Verein zählt rund 500 Mitglieder aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien. Seine erklärte Aufgabe ist die Förderung transatlantischer Beziehungen.

Im Oktober 2014 strahlte das ZDF-Kabarettformat Die Anstalt einen Beitrag aus, der die Mitgliedschaft führender deutscher Journalisten und Medienmanager in der Atlantik-Brücke dokumentierte. Mehrere betroffene Journalisten klagten gegen den ZDF. Der Bundesgerichtshof wies die Klagen 2017 ab und bestätigte, dass die im Beitrag aufgezeigten Verbindungen zutreffend und zulässig dargestellt worden waren.

BGH-Urteil 2017

Der Bundesgerichtshof stellte fest, dass die Darstellungen der Anstalt zu Mitgliedschaften in der Atlantik-Brücke „zutreffend" waren und keine Persönlichkeitsrechte verletzt wurden. Quelle: BGH, Az. VI ZR 496/16 u.a.

Die Mitgliedschaft ist öffentlich dokumentiert — teils durch eigene Jahresberichte der Atlantik-Brücke, teils durch Lebensläufe der Mitglieder. Eine wissenschaftliche Auswertung legte der Leipziger Kommunikationsforscher Uwe Krüger 2013 vor: In seiner Studie Meinungsmacht (Herbert von Halem Verlag) analysierte er die Netzwerkmitgliedschaften führender deutscher Journalisten und stellte eine signifikante Konzentration in transatlantischen Zirkeln fest.

Dokumentierte Mitgliedschaften im Medienbereich

Folgende Verbindungen sind durch Jahresberichte der Atlantik-Brücke, Eigenangaben oder unabhängige Quellen belegt:

Person Position / Medium Beleg
Mathias Döpfner CEO Axel Springer, bis 2023 BDZV-Präsident Atlantik-Brücke Jahresbericht; Metapedia-Eintrag; Wikipedia-Liste
Theo Koll ZDF-Moderator, Frontal21, ZDF-Auslandskorrespondent Atlantik-Brücke Jahresbericht; Die Anstalt 2014 (BGH bestätigt)
Josef Joffe Herausgeber Die Zeit (bis 2019) Eigene Angabe; Atlantik-Brücke Jahresbericht
Matthias Naß Journalist Die Zeit; auch Bilderberg-Teilnehmer Atlantik-Brücke Jahresbericht
Rüdiger Löwe Bayerischer Rundfunk Atlantik-Brücke Jahresbericht (2006–2012)
Nikolaus Busse / Christiane Hoffmann FAZ-Redaktion Atlantik-Brücke Jahresbericht
Malte Lehming Tagesspiegel, US-Korrespondent Atlantik-Brücke Jahresbericht
Quelle: Atlantik-Brücke Jahresberichte 2006/07–2011/12; Wikipedia: Liste von Mitgliedern der Atlantik-Brücke; Uwe Krüger: Meinungsmacht (2013)

Die Atlantik-Brücke veröffentlicht keine vollständige, aktuelle Mitgliederliste auf ihrer Website. Eine Rekonstruktion ist nur über Jahresberichte, Eigenangaben in Lebensläufen und Drittquellen möglich. Die aktuelle Vollständigkeit der Tabelle kann daher nicht garantiert werden.

Josef Joffe über Journalismus: ein aufschlussreiches Zitat

In einer privaten E-Mail an den Privatbankier Max Warburg — Sohn des Atlantik-Brücke-Gründers Eric Warburg — schrieb der langjährige Zeit-Herausgeber Josef Joffe laut Spiegel (2022):

Joffe, zit. n. Spiegel 2022

„Selbstverständlich graben Journalisten nie etwas aus. Sie kriegen es auf den Schreibtisch."

Joffe war langjähriges Mitglied der Atlantik-Brücke. Die E-Mail wurde im Rahmen von Recherchen öffentlich bekannt.

Rundfunkräte: Parteibindung weit über dem Verfassungsrahmen

Die Rundfunkräte von ARD, ZDF und Deutschlandradio sind die gesetzlichen Aufsichtsgremien des ÖRR. Sie wählen Intendanten, kontrollieren Programme und genehmigen Haushalte. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2014 im sogenannten ZDF-Urteil festgelegt: Der Anteil staatlicher und staatsnaher Mitglieder darf ein Drittel der Gremienmitglieder nicht übersteigen.

Eine Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung, veröffentlicht im Februar 2025, untersuchte 772 Rundfunkrats- und Verwaltungsratsmitglieder aller öffentlich-rechtlichen Anstalten (Erhebungszeitraum April bis September 2024).

Otto-Brenner-Studie 2025 (OBS)

Mindestens 41 Prozent der Rundfunkratsmitglieder sind parteizugehörig oder parteinah. Bei den Verwaltungsräten sind es mindestens 53 Prozent. Fazit der Studie: „Nach wie vor ist die Politik überaus präsent in den Gremien."

Der Media Ownership Monitor Germany 2024 (Global Media Registry) stellte für den ZDF-Fernsehrat konkret fest: Im Gremium saßen zum Zeitpunkt der Erhebung eine aktive Bundesministerin, zwei aktive Landesminister, neun aktive Staatssekretäre sowie ein Bundestagsmitglied und eine Regierungssprecherin.

Gremium Befund Quelle
Alle ÖRR-Rundfunkräte Min. 41 % parteizugehörig/-nah OBS-Studie 2025
Alle Verwaltungsräte Min. 53 % parteizugehörig/-nah OBS-Studie 2025
BR, Deutschlandradio, ZDF Schöpfen Drittel-Maximum voll aus Neue Deutsche Medienmacher, 2022
ZDF-Fernsehrat 1 Bundesministerin, 2 Landesminister, 9 Staatssekretäre (aktiv, 2024) Media Ownership Monitor 2024
Deutsche Welle 41 % staatsnahe Mitglieder — über dem Verfassungsmaximum Neue Deutsche Medienmacher, 2022
Quellen: OBS-Studie „Im öffentlichen Auftrag" (Feb. 2025); Media Ownership Monitor Germany 2024; Neue Deutsche Medienmacher (2022)

Intendantenwahl: Parteien entscheiden mit

Da Rundfunkräte die Intendanten wählen und parteizugehörige Mitglieder darin strukturell überrepräsentiert sind, wirkt diese Konstellation bis in die Führungsebene der Anstalten. Die OBS-Studie 2025 zitiert dazu Fritz Wolf (2013): Die Parteipolitisierung der Gremien „zielte vor allem auf die Personalpolitik der Sender. Viele Konflikte drehten sich um die Besetzung von Führungspositionen."

Was öffentlich dokumentiert ist — und was nicht

Die Atlantik-Brücke veröffentlicht keine vollständige aktuelle Mitgliederliste. Die Rundfunkräte berichten zwar über ihre Zusammensetzung, aber die OBS-Studie 2025 stellt fest, dass „in vielen Gremien die Transparenz der eigenen Arbeit" fehlt und „Kosten der Gremienarbeit nicht eindeutig beantwortet werden können".

Die hier dokumentierten Verbindungen basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen: Jahresberichten, Eigenangaben, gerichtlich bestätigten Recherchen und unabhängigen wissenschaftlichen Studien. Rundfunkkritik.de erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


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