Die Aktion der Schauspieler:
Zwei Kampagnen, ein Monat, eine Asymmetrie
Im April 2021 forderte ein ARD-Rundfunkrat Berufsverbote für Schauspieler, die eine Satire-Aktion gestartet hatten. Staatlich finanzierte Kampagnen mit denselben Berufsgruppen liefen unkommentiert. Das Dokument dieser Asymmetrie.
Aktion 1: Der staatliche Auftrag
März 2020. Das Bundesgesundheitsministerium koordiniert eine Kampagne unter dem Hashtag #WirBleibenZuhause. Schauspieler, Moderatoren und Musiker sprechen in die Kamera — entspannt, zuhause, einheitlich. Für Auftritte wird, wie das Ministerium auf Nachfrage des stern bestätigt, eine „marktübliche Aufwandsentschädigung" gezahlt.
April 2021: #ÄrmelHoch. Erneut prominente Gesichter, erneut finanziert, erneut koordiniert. Das Impfzentrum im Spot ist eine Kulisse — die eigentlichen Impftermine der Beteiligten fanden Wochen zuvor statt.
Reaktion der Rundfunkgremien: keine. Reaktion der Talkshows: keine. Reaktion des Feuilletons: keine.
Aktion 2: Die Satire ohne Auftrag
Ebenfalls April 2021. Ohne staatlichen Auftrag, ohne Honorar, koordiniert in einer privaten Gruppe: Rund 50 Film- und Fernsehschauspieler veröffentlichen gleichzeitig ironisch-satirische Kurzvideos. Der Hashtag: #allesdichtmachen.
Beteiligt sind unter anderen Ulrich Tukur, Volker Bruch, Meret Becker, Ulrike Folkerts, Richy Müller, Heike Makatsch und Jan Josef Liefers. Liefers sagt darin, er danke den Medien dafür, dass „kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung."
Es ist Satire. Der Ton ist ironisch, die Form filmisch, die Botschaft: Kritik am Untertanengeist — aus dem Mund derer, die ihn sonst auf der Bühne verkörpern.
Die nächsten 24 Stunden: Dokumentiert
Ein Rundfunkrat — das Kontrollgremium, das die Unabhängigkeit des Senders sichern soll — fordert die Entlassung von Journalisten und Schauspielern wegen eines Satirevideos. Der Tweet wird nach einer Stunde gelöscht.
Kein Autor beider Publikationen hatte zuvor die staatlich finanzierten Schauspieler-Kampagnen auf vergleichbare Kriterien geprüft.
Vier Jahre später berichtet Liefers im Podcast Hotel Matze: Noch während die Videos online gingen, rief ein Bekannter — inzwischen bei Correctiv tätig — an und verlangte, das Video sofort zu löschen und eine Distanzierungserklärung abzugeben. Liefers nahm kein Video zurück.
Der Grund ist strukturell, nicht moralisch: Schauspieler sind Freiberufler. Ihr nächstes Engagement hängt an Agenten, Redakteuren, Intendanten — an einem Netzwerk persönlicher Beziehungen. Wer öffentlich als „coronaleugnerisch" oder „rechts" markiert wird, verliert nicht ein Video. Er verliert die nächsten zwei Jahre.
Die Asymmetrie: Dokumentiert
- Finanzierung: Bundesministerium, marktübliche Entschädigung
- Koordination: staatlich
- Reaktion Rundfunkräte: keine
- Reaktion Feuilleton: Lob, Berichterstattung
- Reaktion Talkshows: keine Prüfung
- Folgen für Beteiligte: keine
- Finanzierung: keine
- Koordination: privat
- Reaktion Rundfunkräte: Forderung nach Berufsverboten
- Reaktion Feuilleton: „gefährlich", „Dammbruch", „Unverschämtheit"
- Reaktion Talkshows: Naivitätsvorwurf, DDR-Rhetorik
- Folgen für Beteiligte: Distanzierungsdruck, Engagementverlust
Was danach folgte: Das Schweigen
Eine Kabarettistin, über ein Jahrzehnt das Gesicht einer der meistgesehenen Polit-Satiresendungen im deutschen Fernsehen, verschwindet monatelang vom Bildschirm. Als sie zurückkommt, berichtet sie von Schlaflosigkeit, Herzrasen, Muskelzittern und depressiven Schüben — und verlässt die Sendung. Die Süddeutsche Zeitung berichtet darüber als Randnotiz.
Eine Dokumentation aus dem Jahr 2023 — produziert von Kulturschaffenden ohne Talkshow-Zugang — trägt den Titel „Hauptsache GEIMPFT". Sie dokumentiert Engagements, die nicht zustande kamen; Proben, für die Nachweise verlangt wurden; Schweigen als Voraussetzung für Weiterbeschäftigung.
Jan Josef Liefers sagt 2025 im Podcast Hotel Matze: Er würde es wieder tun.
Die strukturelle Frage
Ein Rundfunkrat ist kein Parteiorgan. Er ist das Gremium, das die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von politischen und wirtschaftlichen Interessen sichern soll. Sein Auftrag ist im jeweiligen Landesrundfunkgesetz verankert.
Garrelt Duin forderte die Entlassung von Schauspielern wegen einer Satire-Aktion — per Tweet, innerhalb von 24 Stunden, ohne Gremiumsbeschluss, ohne Verfahren. Sein Tweet wurde nach einer Stunde gelöscht. Eine förmliche Stellungnahme des WDR-Rundfunkrats zu dieser Handlung seines Mitglieds ist nicht dokumentiert.
Was dokumentiert ist:
Zwei Kampagnen, eine Branche, ein Monat. Die staatlich finanzierte: kein Gremium reagiert. Die selbstorganisierte Satire: ein Rundfunkrat fordert Berufsverbote, führende Medien sprechen von „Dammbruch", Beteiligte verlieren Engagements.
Der Unterschied lag nicht in der Qualität. Er lag in der Richtung der Kritik.
Die Verträge, Betriebsvereinbarungen und internen Kommunikationen der betroffenen Theater und Sender sind zugänglich. Sie warten auf Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.