Finanzierung · Analyse
Über 10 Milliarden Euro nehmen die Sender pro Jahr ein, der Großteil aus dem Rundfunkbeitrag. Trotzdem konkurrieren sie auf dem Werbemarkt – und verbuchten 2024 allein für die beiden Hauptkanäle über 350 Millionen Euro zusätzlich.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland wird mit einem Argument gerechtfertigt, das auf den ersten Blick einleuchtet: Wer vom Markt unabhängig sein soll, darf nicht vom Markt abhängen. Genau deshalb zahlt jeder Haushalt 18,36 Euro im Monat – ob er das Programm nutzt oder nicht. Die Logik lautet: Beitrag statt Werbung, Unabhängigkeit statt Quotendruck.
Nur stimmt die zweite Hälfte dieser Logik nicht.
ARD, ZDF und Deutschlandradio nahmen 2024 zusammen über 10 Milliarden Euro ein – rund 10,4 Milliarden, so viel wie kein anderer öffentlich-rechtlicher Rundfunk der Welt. Der reine Rundfunkbeitrag bringt rund 9 Milliarden, etwa 85 Prozent der Gesamteinnahmen. Doch die restlichen Prozente summieren sich auf hunderte Millionen Euro – verdient genau dort, wo die Sender laut eigener Begründung gar nicht sein müssten: auf dem Werbemarkt.
ARD Media erzielte Netto-Werbeeinnahmen von 190,7 Millionen Euro – ein Plus von 11,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ZDF verbuchte „Erträge aus dem Werbefernsehen" von 164,9 Millionen Euro, ein Zuwachs von 6,7 Prozent. Allein diese beiden Hauptkanäle brachten also über 355 Millionen Euro ein. Dazu kommen die Werbeerlöse der einzelnen ARD-Landesrundfunkanstalten.
Bemerkenswert ist der Vergleich mit der Konkurrenz: Während die rein werbefinanzierte RTL Group 2024 ein leichtes Minus auswies, legten ARD und ZDF kräftig zu. Ein Sender, der zu 85 Prozent durch Zwangsabgaben abgesichert ist, schlug im Werbegeschäft jene Privatsender, die ohne diese Absicherung wirtschaften müssen.
Erstens der Wettbewerb. Private Sender finanzieren sich ausschließlich über Werbung. Sie tragen das volle Marktrisiko. Der ÖRR dagegen geht mit einem garantierten Milliarden-Sockel in denselben Werbemarkt – und drückt dort Preise und Reichweiten. Das ist, als würde ein Unternehmen mit staatlicher Dauersubvention im selben Laden um dieselben Kunden buhlen wie ein Betrieb ohne diese Subvention.
Zweitens die Staatsferne-Erzählung. Das Versprechen „beitragsfinanziert = unabhängig" verträgt sich schlecht mit einem Sender, der gleichzeitig Quoten und Werbeumsätze maximiert. Wer am Werbemarkt verdient, hat ein Interesse an Reichweite. Und Reichweiteninteresse formt Programm.
ARD und ZDF verweisen darauf, dass die Werbung streng begrenzt ist. Auf den Hauptkanälen läuft Werbung nur werktags und nur vor 20 Uhr; an Sonn- und Feiertagen sowie im Abendprogramm ist sie tabu. Das jährliche Werbevolumen ist gedeckelt. Aus Sendersicht senkt jeder Werbe-Euro sogar den nötigen Beitrag – die Einnahmen werden bei der Beitragsbemessung gegengerechnet.
Das ist nicht falsch. Aber es entkräftet den Kernpunkt nicht: Ein Rundfunk, dessen ganze verfassungsrechtliche Begründung darauf beruht, vom Werbemarkt unabhängig zu sein, ist es eben nicht vollständig.
Die Werbeeinnahmen des ÖRR sind, gemessen am Gesamtbudget, ein kleiner Posten. Aber sie sind ein Posten, den es laut der eigenen Gründungslogik gar nicht geben dürfte. Ein Sender, der „unabhängig vom Markt" sein will und trotzdem auf demselben Markt hunderte Millionen verdient, muss sich die Frage gefallen lassen, welche der beiden Erzählungen denn nun gilt.