Brennpunkt Freibad: Hitze, Männlichkeit, „Gesellschaft" – nur die Herkunft der Tatverdächtigen bleibt draußen

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Am 4. Juli 2026 strahlte das ZDF die Reportage „Brennpunkt Freibad – Zwischen Erholung und Eskalation" aus (30 Minuten, ZDF.reportage). Der Sender begleitet Schwimmmeister und Sicherheitspersonal in Berlin und Gelsenkirchen und fragt, warum es in deutschen Freibädern zunehmend zu gewalttätigen Zwischenfällen kommt. Die im Beitrag genannten Erklärungen und die parallel dokumentierten Vorfälle desselben Sommers werden im Folgenden gegenübergestellt.

Kategorie 1 · Primärquelle ZDF

1. Die Erklärungen der Sendung – im Wortlaut der ZDF-eigenen Begleittexte

Der offizielle Beschreibungstext des ZDF zur Sendung (abgerufen auf zdf.de) nennt drei Erklärungsansätze:

„Umso heißer es wird, umso erhitzter werden die Gemüter" – Security-Mitarbeiterin Jessie, Berlin
„Freibäder sind natürlich auch ein Spiegelbild der Gesellschaft" – und da gebe es „Veränderungen, die nicht immer nur positiv sind" – Betriebsleiter Frank Hansch, Gelsenkirchen (ohne weitere Spezifizierung dieser Veränderungen)
„Laut polizeilicher Statistik ist der weitaus überwiegende Teil der Gewalttäter in Freibädern männlich – handgreifliche Konflikte kommen [im Frauenbad] so gut wie gar nicht vor."

Genannt werden damit: Hitze, ein vage bleibender gesellschaftlicher Wandel, und Geschlecht. Die Kategorie Herkunft bzw. Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen taucht im gesamten Text nicht auf.

Quelle: zdf.de, „ZDF.reportage – Brennpunkt Freibad", abgerufen 04.07.2026

Kategorie 1 · Amtliche Statistik

2. Was die zitierte Statistik zusätzlich hergibt

Die vom ZDF herangezogene Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamts erfasst Tatverdächtige routinemäßig nicht nur nach Geschlecht, sondern in derselben Tabelle auch nach Staatsangehörigkeit. Diese zweite, ebenso amtliche Kategorie aus derselben Datenquelle wird in der Sendung nicht erwähnt, obwohl die Geschlechter-Zahl (266 männliche zu 26 weibliche Tatverdächtige bei schwerer Körperverletzung) direkt aus ihr zitiert wird.

Kategorie 2 · Polizeimeldungen / Presse

3. Dokumentierte Freibad-Vorfälle desselben Sommers

Parallel zur Ausstrahlung der ZDF-Reportage meldeten Polizeidienststellen mehrerer Bundesländer Vorfälle, bei denen die Herkunft der Tatverdächtigen in der offiziellen Pressemitteilung oder durch seriöse Regionalmedien genannt wurde:

OrtVorfallAngabe zur HerkunftQuelle
Kehl-Auenheim (BW)50–60 Personen dringen über Zaun ein, Freibad muss geräumt werdenPolizeimeldung wörtlich: „Männer aus Frankreich"Polizeipräsidium, regionale Presse
Bremen (Stadionbad)Schlägerei mit mehreren Verletzten16-jähriger syrischer TatverdächtigerPolizei Bremen
Cham (Bayern)Zehnköpfige Gruppe eskaliert nach Streit mit Personal21-jähriger Syrer als HauptaggressorStadt Cham / Polizeibericht
Pforzheim (BW)Angriff mit Fahrradschlössern und Holzstöcken, fünf VerletzteAngreifer „arabischer Herkunft", Opfer „kosovarischer Migrationshintergrund"t-online, unter Berufung auf Polizeiangaben

In allen vier Fällen stammt die Herkunftsangabe aus behördlichen Mitteilungen oder deren Wiedergabe durch etablierte Medien – nicht aus Kommentaren einzelner Beobachter.

Fairness-Box: Warum Redaktionen Herkunft oft nicht nennen

Die Zurückhaltung des ZDF ist nicht regelwidrig, sondern folgt einer anerkannten Branchenpraxis. Richtlinie 12.1 des Pressekodex des Deutschen Presserats empfiehlt seit 2017, die Zugehörigkeit von Tatverdächtigen zu ethnischen, religiösen oder nationalen Gruppen „in der Regel nicht" zu nennen – es sei denn, es besteht ein „begründetes öffentliches Interesse", etwa bei besonders schweren oder für die Tat ursächlichen Zusammenhängen (z. B. Clan-Strukturen, Fluchtgefahr durch Auslandsbezug). Begründung: Die Nennung könne zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führen.

Diese Richtlinie gilt presseübergreifend – auch Polizeidienststellen und Boulevardmedien wenden sie in der Praxis uneinheitlich an, wie die Beispiele in Baustein 3 zeigen: Dort wurde die Herkunft genannt, obwohl es sich nicht immer um die in der Richtlinie beispielhaft genannten Ausnahmefälle handelt. Der eigentliche Befund ist damit weniger eine ZDF-spezifische Auslassung als eine uneinheitliche Anwendung derselben Regel über verschiedene Medien und Institutionen hinweg – öffentlich-rechtliche Redaktionen tendieren dabei sichtbar zur zurückhaltenderen Auslegung.

Quelle: presserat.de, „Leitsätze zur Richtlinie 12.1"

Kategorie 1/2 · Wissenschaftlicher Kontext

4. Das gängige Gegenargument: Wohnort statt Herkunft

Wenn ARD und ZDF die Überrepräsentation ausländischer Tatverdächtiger in der PKS einordnen, verweisen sie regelmäßig auf eine ifo-Institut-Studie (Adema/Alipour, 2025), die als Hauptursache den Wohnort nennt: Ausländische Staatsangehörige leben laut Studie überproportional häufig in Gegenden mit ohnehin höherer Kriminalitätsdichte – unabhängig von der Nationalität der dortigen Bevölkerung. Diese Einordnung deckt sich mit Analysen der Bundeszentrale für politische Bildung und des Mediendienstes Integration, die zusätzlich Alter, Geschlecht und sozioökonomische Lage als Faktoren nennen.

Diese Erklärung ist damit keine ÖRR-Eigenkonstruktion, sondern akademischer Mainstream. Sie ändert jedoch nichts daran, dass sie in der Freibad-Reportage selbst mit keinem Wort erwähnt wird – weder die Kategorie Herkunft noch die Wohnort-Erklärung, die sie hätte einordnen können. Die Sendung entscheidet sich für Hitze und Geschlecht, ohne die naheliegendste Anschlussfrage überhaupt zu stellen.

Kategorie 1 · Primärquelle ARD-Faktenfinder

5. Ein Jahr zuvor: Wie der ARD-Faktenfinder dieselbe Debatte einordnete

Bereits am 30.07.2025 veröffentlichte der ARD-Faktenfinder (Autoren: Carla Reveland, Pascal Siggelkow) einen Beitrag mit dem Titel „Stimmungsmache mit der Angst" zum selben Thema. Der Einstieg ordnet die Debatte redaktionell so ein:

„Im Netz werden Schwimmbäder als gefährlicher Ort dargestellt – vor allem in rechtspopulistischen Kreisen. Doch die Zahlen geben das nicht her: In vielen Bundesländern ist kein Anstieg der Straftaten zu verzeichnen."

Als Beleg für die kritisierte Position zitiert der Artikel einen Beitrag des Portals NIUS mit dem früheren „Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt:

„Das Gefährlichste im Freibad waren früher die Wespen, heute sind es die Horden junger Männer aus den steinzeitlichsten, islamistischen Tälern, Dörfern und Steppen dieser Erde."

Der Artikel stellt damit eine besonders zugespitzte Einzeläußerung als Repräsentant der gesamten Kritik dar und beantwortet sie mit aggregierten Länderzahlen. Die von Apollo News und anderen im Anschluss erhobene Anschlussfrage – ob einzelne Deliktkategorien wie Sexualdelikte trotz insgesamt rückläufiger Zahlen gestiegen sind – wird im Faktenfinder-Text nicht behandelt.

Quelle: tagesschau.de/faktenfinder, „Stimmungsmache mit der Angst", Stand 30.07.2025 (Screenshot-Beleg vorliegend, Direktzugriff auf tagesschau.de technisch nicht möglich)

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