Geld & Macht

Teure Bauten: Sanierungs- und Neubauprojekte der öffentlich-rechtlichen Anstalten

Eine Fallsammlung zu Kostenentwicklungen bei Funkhaus- und Zentralensanierungen in Deutschland und Österreich.

Mehrere öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten in Deutschland und Österreich haben in den vergangenen Jahren aufwendige Sanierungs- oder Neubauprojekte an ihren Hauptstandorten durchgeführt oder angekündigt. In mehreren Fällen dokumentieren Medienberichte und Prüfgremien deutliche Kostensteigerungen gegenüber der ursprünglichen Planung. Die folgende Übersicht stellt sechs Fälle nebeneinander.

WDR-Filmhaus, Köln

Ursprünglich geplant: 80 Mio. € (Sanierung 2017–2023)
Zuletzt bezifferte Kosten: rund 240 Mio. €

Die Sanierung des 1974 errichteten WDR-Filmhauses in der Kölner Innenstadt sollte nach ursprünglicher Planung rund 80 Millionen Euro kosten. Die Kosten stiegen in der Folge auf rund 240 Millionen Euro. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) sperrte deshalb zunächst eine Zahlung von 69,1 Millionen Euro und bemängelte im Jahresbericht 2020 "erhebliche Transparenzdefizite" im Verfahren.

Quelle: KEF-Jahresbericht 2020; Presseberichterstattung zur WDR-Filmhaussanierung

NDR-Hochhaus, Hamburg-Lokstedt

Ursprüngliche Sanierungsschätzung: ca. 50 Mio. €
Beschlossener Neubau: ca. 58 Mio. € (46 Mio. € Baukosten + Abriss/Abschreibung) plus 15 Mio. € Nebenkosten über vier Jahre

Nach Asbestfunden im NDR-Bürohochhaus in Hamburg-Lokstedt entschied sich der Sender 2019 gegen eine Kernsanierung (geschätzt rund 50 Millionen Euro) und für einen Abriss mit Neubau. Die reinen Baukosten für den Neubau bezifferte der NDR auf rund 46 Millionen Euro, zuzüglich rund 10 Millionen Euro für den fachgerechten Abbruch und 2 Millionen Euro Restbuchwert-Abschreibung – zusammen etwa 58 Millionen Euro. Hinzu kamen rund 15 Millionen Euro für Ausweichflächen, Umzüge und Planungsmehraufwand über vier Jahre. Der damalige NDR-Intendant Lutz Marmor sprach von einer "ungeplanten finanziellen Belastung".

Quelle: NDR-Mitteilung 2019; Berichterstattung zum NDR-Hochhaus-Neubau

SWR Stuttgart

Neubau beim Funkhaus (2011 fertiggestellt): 77 Mio. €
Sanierung Funkhaus Neckarstraße (2019/20): ca. 20 Mio. €

Der SWR hatte am Stuttgarter Funkhausstandort bereits 2011 einen Erweiterungsbau für rund 77 Millionen Euro fertiggestellt. 2019 folgte eine umfassende Sanierung der elf Stockwerke des angrenzenden Hochhauses für rund 20 Millionen Euro, wofür rund 400 Mitarbeitende zeitweise in ein Ausweichquartier umziehen mussten.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten; BauNetz

SWR Baden-Baden

Erste Kostenschätzung: ca. 60 Mio. €
Zuletzt bezifferte Kosten: 63,5 Mio. €

Für das neue Medienzentrum am Standort Baden-Baden veranschlagte der SWR zunächst rund 60 Millionen Euro, finanziert unter anderem über den Verkauf des Areals "Am Tannenhof". Die Kosten stiegen in mehreren Schritten auf zuletzt 63,5 Millionen Euro, die Fertigstellung verzögerte sich um rund ein halbes Jahr. Im Stadtrat von Baden-Baden wurde dazu Sorge über die künftige Standorttreue des Senders geäußert.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten, Juni 2023

ORF-Zentrum, Wien-Küniglberg

Budgetierte Gesamtkosten: 300 Mio. €
Kostenwarnung des ORF-Stiftungsrats zum Hauptgebäude: Anstieg von knapp 50 auf 53 Mio. €

Die seit 2014 laufende Sanierung des denkmalgeschützten ORF-Zentrums am Küniglberg wurde mit Gesamtkosten von 300 Millionen Euro budgetiert. Die ORF-Führung gab im Stiftungsrat eine Kostenwarnung aus, nachdem Denkmalschutz-, Statik- und Brandschutzauflagen die Kosten allein für das Hauptgebäude 1 in die Höhe getrieben hatten.

Quelle: derStandard; Kleine Zeitung; VIENNA.AT

BR-Hochhaus, München

Aktuell veranschlagte Kosten: 250 Mio. €
Gegenfinanzierung: Verkauf des angrenzenden Studiobaus

Der Bayerische Rundfunk plant die Sanierung seines markanten Hochhauses und will dafür den sogenannten Studiobau verkaufen. Nach aktuellen Plänen belaufen sich die Kosten für Sanierung und umliegende Gebäude auf 250 Millionen Euro. Ob der Verkauf angesichts des Denkmalschutzes gelingt, ist nach Berichten der Süddeutschen Zeitung noch offen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 29.06.2026

Übersicht

AnstaltStandortUrsprüngliche SchätzungAktuelle/Endgültige Kosten
WDRKöln (Filmhaus)80 Mio. €ca. 240 Mio. €
NDRHamburg-Lokstedtca. 50 Mio. € (Sanierung)ca. 58 + 15 Mio. €
SWRStuttgart77 Mio. € (2011) + 20 Mio. € (2019/20)
SWRBaden-Badenca. 60 Mio. €63,5 Mio. €
ORFWien-Küniglberg300 Mio. € (budgetiert)Kostenwarnung, Teilbereich +6%
BRMünchen250 Mio. €

Wiederkehrende Muster

In den dokumentierten Fällen tauchen wiederkehrende Faktoren auf: Denkmalschutzauflagen als Kostentreiber (WDR, ORF, BR), Asbestsanierung als Auslöser für Abriss statt Sanierung (NDR), und die Gegenfinanzierung über Grundstücks- oder Gebäudeverkäufe (SWR Baden-Baden, BR München). Die Fälle betreffen sowohl deutsche als auch österreichische Anstalten und lassen sich damit nicht auf eine einzelne Institution oder Führungsperson zurückführen.