Meinungsklima · Analyse

Von Eva Herman zu Ulrike Herrmann: das asymmetrische Toleranzfenster des ÖRR

2007 verschwand eine Tagesschau-Sprecherin binnen Tagen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Heute ist eine Publizistin, die offen das Ende des Kapitalismus und eine „ökologische Kriegswirtschaft" fordert, gern gesehener Dauergast. Es geht nicht darum, beide gleichzusetzen – sondern um die Richtung des Reflexes.

Kategorie: Meinungsklima · Talkshows  ·  Datum: Juni 2026

Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk lebt von einem Versprechen: Er bilde die Breite der Gesellschaft ab, lade unterschiedliche Stimmen ein, halte das Meinungsspektrum offen. Die spannende Frage ist nicht, ob radikale Thesen vorkommen dürfen – sie dürfen. Die Frage ist, in welche Richtung der Reflex schlägt, wenn jemand die Grenze des Sagbaren berührt.

2007: Der schnelle Fall der Eva Herman

Eva Herman war über Jahre das Gesicht der „Tagesschau". Im Herbst 2007 äußerte sie sich in einer Weise über Familienbilder und Mutterrollen, die als positive Bezugnahme auf die NS-Zeit gelesen wurde. Die Reaktion kam in Tagen, nicht in Wochen: Am 9. September 2007 beendete der NDR die Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung. Wenige Wochen später lud ZDF-Moderator Johannes B. Kerner sie in seine Talkshow – und warf sie nach rund fünfzig Minuten live aus der Runde.

Bemerkenswert ist der Nachklang. Kerner räumte später selbst ein, falsch gehandelt zu haben – „Ich habe damals falsch entschieden", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Geändert hat das nichts: Herman kehrte nie in das Mainstream-Fernsehen zurück.

Man muss Hermans damalige Aussagen nicht verteidigen, um den Mechanismus zu sehen. Der Punkt ist das Tempo und die Endgültigkeit: ein Satz, eine Woche, ein Berufsende.

Heute: Der weiche Empfang der Ulrike Herrmann

Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrespondentin der taz, vertritt seit Jahren eine ökonomische These, die an Radikalität schwer zu überbieten ist. In ihrem Bestseller „Das Ende des Kapitalismus" fordert sie ein „grünes Schrumpfen": Die deutsche Wirtschaftsleistung müsse um rund die Hälfte sinken, zurück auf das Niveau von 1978. Als Vorbild nennt sie die britische Kriegswirtschaft ab 1939 – mit staatlicher Rationierung und Vorgaben, was private Firmen produzieren dürfen.

Herrmann ist regelmäßiger Gast bei Markus Lanz, Maischberger, in der Phoenix-Runde und auf dem „Roten Sofa" des NDR. Wie ihr Verlag notiert, wird sie „immer häufiger als Kommentatorin zu politischen Talkshows eingeladen".

Der Schweizer Think-Tank Avenir Suisse urteilte, Herrmanns Modell bedeute die Abschaffung der Marktwirtschaft und „in letzter Konsequenz auch die Abschaffung demokratischer Grundwerte". Selbst aus dem grünen Lager – Politiker Karl-Martin Hentschel in der taz – hieß es, ihre Rezepte seien ökonomisch nicht umsetzbar.

Die Asymmetrie – und was sie nicht behauptet

Hier ist Sorgfalt nötig, sonst kippt das Argument. Es geht nicht um eine Gleichsetzung. Eva Hermans Äußerungen berührten die Relativierung der NS-Zeit – in Deutschland aus guten Gründen ein einzigartig sensibles Tabu. Ulrike Herrmanns Vorschläge bewegen sich, wie radikal auch immer, innerhalb der demokratischen Wirtschaftsdebatte.

Worum es geht, ist die Richtung des Reflexes. Das Toleranzfenster des ÖRR scheint nicht symmetrisch zu liegen. Eine Position, die als „rechts" gelesen wird, führt im Zweifel zum sofortigen Ausschluss. Eine Position, die als „links" oder „ökologisch" gilt, darf auch in ihrer radikalsten Ausprägung wiederkehren.

Das Gedankenexperiment macht es deutlich: Käme ein Gast, der eine staatlich gelenkte Zwangswirtschaft mit Rationierung fordert, mit demselben Wohlwollen Woche für Woche ins Studio, wenn dieselbe Forderung „von rechts" käme?

Fazit

Der Fall Herman war 2007 der frühe Prototyp: ein Tabu berührt, das Mikrofon weg. Der Fall Herrmann ist die Gegenprobe von heute: Auch die weitreichendste Forderung kostet keinen Studioplatz, solange sie im richtigen Lager verortet ist. Ein Rundfunk, der Vielfalt verspricht, sollte sein Toleranzfenster nicht nach politischer Himmelsrichtung ausrichten.

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Weiterführende Quellen