Im September 2022 klang es nach einem Aufbruch. Die Chefredaktion von ARD-aktuell, damals Juliane Leopold und Marcus Bornheim, kündigte den Start eines eigenen Wissensressorts an. Man reagiere damit „auf ein Bedürfnis unseres Publikums nach mehr Hintergrundinformationen und Einordnung von Nachrichten", erklärte Leopold. Das habe man aus der Corona-Zeit und dem Feedback der Community gelernt. Das neue Ressort galt als „Investition in die Zukunft".
Diese Investition dauerte knapp vier Jahre. Laut einem Gastbeitrag des Kommunikationswissenschaftlers Holger Wormer (Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund) im Tagesspiegel vom 15. Juni 2026 plant die Chefredaktion von ARD-aktuell, das Wissensressort aufzulösen. Die Entscheidung soll, so Wormer, möglichst unsichtbar vollzogen werden.
Die NDR-Unternehmenskommunikation reagierte mit einer Stellungnahme, die der Tagesspiegel unkommentiert abdruckte. Darin heißt es, ARD-aktuell werde „jetzt und in Zukunft über Themen aus dem Bereich Wissenschaft" berichten. Der Reiter „Wissen" auf tagesschau.de bleibe bestehen. Was sich ändere, sei lediglich die „interne Organisationsstruktur".
„Die Zulieferung von Themen und Inhalten aus den Bereichen Wissen und Wissenschaft wird zukünftig aus dem ARD Kompetenzcenter Wissen kommen, dessen Federführung sich BR, SWR und WDR teilen."
NDR-Unternehmenskommunikation, Stellungnahme via Tagesspiegel, 15.06.2026Was als Neuorganisation beschrieben wird, bedeutet in der Praxis: Eine eigenständige Wissenschaftsredaktion in der Tagesschau-Zentrale wird aufgelöst und durch eine dezentrale Zulieferstruktur ersetzt. Eigene wissenschaftsjournalistische Kompetenz im Kernbetrieb entfällt.
Wormer, der das Rhine Ruhr Center for Science Communication Research leitet, benennt das Muster: Es sei nicht das erste Mal, dass die Leitungsebene eines öffentlich-rechtlichen Senders in Zeiten von Sparzwängen die Wissenschaftsredaktion als vermeintlich schwächstes Glied in der Redaktionshierarchie als leicht zu opferndes Sparschwein betrachte — womöglich in Ermangelung eines echten Reformkonzepts.
Dabei ist das Einsparpotenzial überschaubar. Ein kleines Fachressort kostet einen Bruchteil dessen, was ARD und ZDF jährlich für Sportrechte ausgeben. Allein die Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga, Olympia oder Formel 1 binden dreistellige Millionenbeträge. Das Wissensressort fällt dagegen kaum ins Gewicht — was die Entscheidung umso aufschlussreicher macht.
2022: ARD-aktuell gründet Wissensressort als „Investition in die Zukunft" und Reaktion auf Publikumsbedürfnisse nach der Corona-Pandemie.
2026: Dasselbe Ressort wird aufgelöst. Die Entscheidung soll nach Angaben des Tagesspiegel-Gastautors Wormer möglichst ohne öffentliche Aufmerksamkeit vollzogen werden.
Zeitraum zwischen Ankündigung und Abschaffung: weniger als vier Jahre.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk rechtfertigt seine Pflichtfinanzierung durch den Beitragsservice mit einem gesetzlichen Auftrag: Information, Bildung, Kultur. Unterhaltung ist ausdrücklich nachrangig — sie ist das Metier der privaten Sender, die sich über Werbung finanzieren und deshalb Quoten brauchen.
Der tatsächliche Programmmix zeigt ein anderes Bild. Sportsendungen, Krimiserien, Spielshows und Unterhaltungsformate nehmen im ARD- und ZDF-Programm erheblichen Raum ein. Was unter Spardruck als erstes fällt, ist nicht Unterhaltung — sondern das, was den Bildungsauftrag inhaltlich füllt.
Das Wissensressort ist dabei kein Einzelfall. Es steht für ein Muster: Haltungsjournalismus bleibt, Wissenschaftsjournalismus fällt. Meinungsformate, Einordnungsstücke und politische Kommentare sind strukturell geschützt. Sachthemen mit methodischem Anspruch — Medizin, Klimaforschung, Technologie, KI — gelten offenbar als verzichtbar.
Unter dem Tagesspiegel-Beitrag erschien ein Leserkommentar, der den Kern der öffentlichen Wahrnehmung trifft: „Sinn der Öffis sollte es ja sein, über das fundiert zu berichten, das die Privaten aus Gründen der Profitmaximierung ignorieren. Die Kernkompetenzen absägen, aber Milliarden für Sportrechte ausgeben. So macht man es denen leicht, die das System komplett abschaffen wollen."
Diese Einschätzung ist keine Randmeinung. Sie beschreibt eine strukturelle Inkonsistenz, die der ÖRR selbst erzeugt: Je mehr er das tut, was RTL, Sat.1 und ProSieben ebenfalls tun, desto schwächer wird die Rechtfertigung für eine beitragsfinanzierte Sonderstellung.
Die Auflösung des Wissensressorts ist keine isolierte Verwaltungsentscheidung. Sie ist ein Indikator dafür, welche Inhalte im internen Prioritätengefüge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als schützenswert gelten — und welche nicht. Wissenschaft, Technik und Medizin sind keine Nischen. Sie sind die Kernthemen einer Industriegesellschaft im technologischen Wandel. Wer daran spart, während Unterhaltungsbudgets unangetastet bleiben, trifft eine inhaltliche Entscheidung — keine rein organisatorische.